Zeichnung: M. Hiller

An dieser Stelle treten gelegentlich Tintenklecksereien von Marieta Hiller auf. Wichtiges und Unwichtiges, freche Randbemerkungen und Weisheiten des Tages - für Risiken und Nebenwirkungen wird keine Gewähr übernommen...

Ein Glas Wasser für die schlimmsten Reaktionen sollten Sie also zur Hand haben.

 

Die meisten dieser Tintenklecksereien sind als Randbemerkung "Was der Redaktion so alles am Herzen liegt" im Durchblick erschienen. Das ist eine Monatszeitschrift für Lautertal und Modautal, die seit 1995 erscheint und die wichtigsten Themen aus Kommunalpolitik, lokaler Wirtschaft und dem Vereinsleben in jeden Haushalt bringt.

Fortschritt, Mond und Bücher lesen   
Nur mal angenommen... Sie wären Optimist  
Nur mal angenommen... Sie sind eine Frau   
Wir drucken wacker weiter -  und ihr werdet weiterhin lesen! 
War früher wirklich alles besser? Steampunk - die rückwärtsgewandte Utopie
 
Unsere Kapitallebensversicherungen fallen einem Schnäppchenjäger zum Opfer... 
Nur mal angenommen... die Hebammen-Misere in Deutschland 
Fundstück: Das Perfunzativ
Einwurf: Warum Frauen kein Hazet-Werkzeug kaufen 
Lesen für Mädchen und Alkohol für Schüler

Hochproduktiv nur noch im selbstreferenziellen Informationsraum...
Auch das haben wir Menschen gebaut...
Industrie 4.0 und wir...
Javids Rede: ein Appell mitten aus der stärksten Flüchtlingswelle
Mondwanderung bei Sonnenfinsternis
Speichern zwecklos...
Contracting: Löschknotenpunkte lösen Feuereimer und LF8 ab
Volxmusik als Renner in der Unterhaltungsbranche
„Mer sinn all vum Ourewoald“
Das Ende der Weisheit ...
Frühling, Zeit der Abnehmkuren ...
Ethnische Säuberung oder political correctness?
Ist artgerechte Tierernährung zu teuer - oder gar zynisch?
Ein perfekter Tag, perfekt beendet vor dem Fernseher ...
Von der Schwierigkeit, beim lokalen Händler statt im Internet zu kaufen..
Facebook - nein danke! Ich bin gern altmodisch...
Neue Trendsportarten für Männer: Streetkehring und Unkrautrupfing
Wenn der Hund gerne Fernseh guckt, liegt es an HD TV!

Nur mal angenommen, Sie hätten genau so viel Weitblick wie der aktuelle US-Präsident ...

(ja, Weitblick - Sie haben richtig gelesen!).

Für den gibt es keine Klimaerwärmung. Und tatsächlich: die Statistik gibt ihm recht! So ist doch wirklich beispielsweise die gemessene Regenmenge in Indien im langjährigen Mittel gleich geblieben. Daß die indische Bevölkerung allerdings von einem stetigen Wechsel von Dürre und sintflutartigen Regenfällen heimgesucht wird, also de facto unter ständig steigenden Extremwetterereignissen bis hin zu Katastrophen leiden - tja, das ist so ein typisches PAL (ein Problem Anderer Leute). In Trumps Klimaverständnis tauchen Katastrophen nicht auf, dank seiner übergroßen Weitsicht.

Andererseits: kaum taucht einer seiner tanktoptragenden Männerfreunde auf, kann sich Trumps Ansicht auch ganz schnell ändern, oder er verkündet gar das Gegenteil seiner bisherigen Meinung. Das kann er gut, denn auf etwas anderes als auf Meinungen baut er ja nicht. Weltpolitik wird beim Grillsport gemacht, Eierköpfe* (= Wissenschaftler) und kritische Medien verbreiten fake news, präsidiale Kundgebungen erfolgen als tweet. Schließlich liegt die Würze in der Kürze, und was man in  140 Zeichen nicht ausdrücken kann, das wird‘s wohl auch nicht wert sein...

Apropos Ausdrücken: ist Ihnen mal aufgefallen, über wieviele verschiedene Gesichtsausdrücke Trump verfügt? Niemand weiß es, das ist sein Geheimnis. Denn zeigen tut er eigentlich immer nur drei: diktatorisch belehrend, aggressiv argumentierend (im Odenwald nennt man das Recktern) oder zotig grinsend. Noch niemand sah ihn je mit einer Wimper zucken.

Denn wer mit auch nur einer Wimper zuckt, der ist feige - oder einfach noch nicht dement genug.

Merke: wer gern mit dem Holzhammer argumentiert, der sollte sich keine Nägel auf den Kopf halten...

Fortschritt, Mond und Bücher lesen

Liebe Leserinnen und Leser,

der Fortschritt hat uns fest im Griff. „Europa ist nur so breit wie eine kurze Sommernacht“ - so schrieb Heinrich Böll im irischen Tagebuch (1957). Ein fragiles Gebilde, wie auch Alexander Gerst bestätigt:

„unser Mann im All“ kommt trotz allen Trainings und technischen Kenntnissen ins Schwärmen beim Blick auf die Erde aus einer Entfernung, die wir uns vor dem ersten Raumflug nur in unseren kühnsten Fieberträumen vorstellten.

Ging es Ihnen auch so: Erschrecken bei der Todesnachricht von Alan Bean, vierter Mann auf dem Mond.

Die erste Mondlandung war doch erst neulich! Als die ersten Männer auf dem Mond landeten, waren wir so fortschrittsbegeistert, daß wir überhaupt nicht daran dachten, daß diese Männer einmal alt werden und einfach sterben könnten. Lesetipp: das Gedicht vom abgeschraubten Mond...

Dagegen glaubte kaum jemand, daß Stephen Hawking einmal so alt werden würde: der Professor der theoretischen Physik und Astrophysik litt an einer Nervenkrankheit, die ihm nur wenige Jahre an Lebenszeit zugestand. Doch der Mann hatte so unglaublich viel zu forschen, daß er einfach weiterlebte. Der Ausnahmewissenschaftler wurde 76 Jahre alt, und die Welt wäre ohne ihn um ein Vielfaches ärmer an Erkenntnissen geblieben.

Apropos Lebenszeiten: es muß keine großformatige Tageszeitung sein, hinter der sich kluge Köpfe verbergen. Ein kleines Taschenbuch tut es auch. Denn ein Buch ist ein Buch ist ein Buch: als Datenspeicher unübertrefflich, sofern es keinen Brand gibt. Man kann es lesen, Notizen hineinschreiben, wieder lesen, Lesezeichen hineinlegen (von Zettel bis Speckschwarte geht alles), man kann es ins Wasser werfen und wieder trocknen, Eselsohren reinmachen und wieder ausbügeln, dran riechen, die Seiten durch die Finger rascheln lassen - welcher Datenspeicher macht das noch mit?
Lesetipp: Bücher kauft man im Buchhandel, nicht im Internet!

Eine CD hält im Schnitt 30 Jahre, doch Bücher überdauern die Jahrhunderte. Wenn der Drucker das richtige Papier und die richtige Druckerschwärze verwendet hat: in den 80er Jahren gab es Taschenbücher, die man heute nur noch mit Samthandschuhen anfassen kann. Ebendiese Samthandschuhe sind aber vollkommen ausreichend, um ein Buch aus dem 16. Jahrhundert in die Hand zu nehmen.

Doch das ist harmlos, wenn es um Lebenszeiten geht: etwa 100 Atommüllbehälter lagern im Zwischenlager Gorleben. Solch ein Behälter soll einen Aufprall aus großer Höhe ebenso überstehen wie eine halbe Stunde Feuer, 200 Meter Wassertiefe, Explosionen, Zugunglücke, Beschuß und vieles mehr. Doch wie lange bleibt das Ding dicht? Jedenfalls länger als ein Menschenalter, sonst würden die Ent-wickler des Castorkonzeptes ja ihren eigenen Tod billigend in Kauf nehmen. Aber was, wenn diese nicht an ihren eigenen Tod dachten? Sich für so unsterblich hielten wie wir die Astronauten? Fragen, über die man an einem heißen Sommertag auf dem Balkon ins Grübeln kommt - aber zum Glück ist ja auch genug Arbeit da zur Ablenkung. In diesem Sinne: genießen Sie den Sommer, lesen Sie mal wieder ein gutes Buch und machen Sie sich nicht allzuviele Sorgen!

Marieta Hiller, Juni 2018

Nur mal angenommen... Sie wären Optimist

 "It could be worse" und "you should'nt worry" * - so hört man es in Irland häufig.

Die Iren, von Weltpolitik und Geschichte ziemlich gebeutelt, haben sich so ihre Zuversicht erhalten. Nun bekommen die beiden Redensarten und die Haltung dahinter jedoch eine ganz neue Qualität angesichts von Qubits!** Man findet diese in Quantenrechnern, einer Apparatur, die nur eine Handvoll Menschen auf der Welt verstehen können. Also machen Sie sich gar nicht erst die Mühe, man muß ja nicht alles können.

Aber: ein solcher Quantenrechner ist in der Lage, schlicht durch schiere Rechenleistung in Sekundenbruchteilen durchzuprobieren, wie Ihr Passwort oder Ihr Sicherheitscode zu knacken ist. Es ist Quatsch, sich mittels Eselsbrücken die kompliziertesten Passwörter auszudenken, denn der Rechenknecht kommt Ihnen auf die Schliche, entweder innerhalb einer nicht meßbaren Zeitspanne bei z.B. "passwort" oder "nicole1234", oder er braucht halt ein bißchen länger, wenn Sie eine längere Kombination aus Buchstaben (große und kleine), Ziffern und Sonderzeichen verwenden.

Zwar sollten Sie Ihre geheimen Zugänge nicht auf Postits am Monitor oder unter der Schreibtischunterlage aufbewahren, denn dort könnte ein konventioneller Analogdieb sie finden. Aber spätestens der Quantenrechner kommt drauf, darauf können Sie wetten. Die besten Passwörter werden nämlich nicht analog kombiniert, also aus Ihrem Geburtstag und dem Namen Ihres Hundes zusammengesetzt, sondern sie setzen sich aus einer komplizierten Folge von Zeichen zusammen, die von "normalen" Codeknackern solange zerlegt wird, bis etwa nur noch Primzahlen vorliegen.

Nun hat ja so ein Quantenrechner keine Veranlassung, seine Rechenzeit - womöglich in einem Paralleluniversum - zum Knacken ausgerechnet Ihrer Sicherheitscodes einzusetzen. Aber wer sitzt VOR dem Rechner? Wie ein altes Computersprichwort sagt: das Problem sitzt immer VOR dem Bildschirm!

Mag eine mechanische Apparatur wertfrei arbeiten - der Mensch, der davor sitzt, muß es nicht tun. Spätestens seit Robert Oppenheimers Skrupel bezüglich seiner Erfindung der Atombombe, daß diese eventuell von Politikern mißbraucht werden könnte, müssen wir in ständiger Angst leben. Angst, daß Regierungen wissenschaftliche Erkenntnisse zur Kriegführung gegen andere Regierungen einsetzen könnten.

Und was man tun KANN, das wird auch getan, denn irgendjemand ist immer käuflich.

Pikant ist auch die Tatsache, daß große datenverarbeitende Konzerne ihren Sitz gerne in Irland haben.

Also bleibt uns kaum etwas außer  "It could be worse" und "you should'nt worry" - In diesem Sinne: don’t worry

Marieta Hiller, Juni 2018

*zwei Standardsprüche der Iren, aus "Irisches Tagebuch" von Heinrich Böll, 1957, eines meiner Lieblingsbücher...

**ein Qubit ist eine Quantenrecheneinheit. Mit 300 Qubits könnte man mehr Rechenschritte machen, als es Atome in unserer Welt gibt. Daher lagert ein Quantenrechner Teile seiner Rechenaufgaben in Paralleluniversen aus (das ist kein Aprilscherz!). Übrigens: ein normales Bit kann einen Rechenschritt pro Zeiteinheit ausführen - entweder ist das Ergebnis 1 oder 0. In Ihrem PC arbeiten 32 oder 64 „normale“ Bit.  

Nur mal angenommen...

Sie sind eine Frau, leben in Deutschland im Jahr 2018 und es ist Mai: der Monat der Liebe, der aufblühenden Natur, der trällernden Vöglein! Und Sie wollen heiraten, eine Familie gründen, glücklich sein bis daß der Tod Sie scheide.
Klingt soweit gut. Können Sie sich aber vorstellen, daß Sie in vielen Ländern heute noch zwangsverheiratet würden? An einen Mann, den Sie nicht kennen geschweige  denn mögen, der viel älter ist als Sie, der Sie ausnutzt und schlägt?
Können Sie sich vorstellen, daß Sie vor nur 60 Jahren in Deutschland nur hätten arbeiten dürfen, wenn Ihr Ehemann einverstanden gewesen wäre? Daß Sie nur mit seinem Einverständnis ein eigenes Bankkonto eröffnen durften? Führerschein machen? Reisen? Fernseher kaufen?
Heute dürfen Sie das, und noch viel mehr: es gibt die Ehe für alle. Bis zum 11. Juni 1994 war es strafbar homosexuell zu sein, es gab den Paragraphen 175 - das ist nicht lange her! Doch auch für Homosexuelle beiderlei Geschlechts gab es die Ehe als Schutzinstitution: Mann und Frau mit gleichen Interessen führten eine Scheinehe. Denn riskant war es, unverheiratet zu bleiben: als Blaustrumpf und Hagestolz gebrandmarkt, dem Spott und der Verfolgung preisgegeben.
Menschen mit Behinderung durften nicht heiraten: so wurde zwei jungen Behinderten in einer katholischen Kirche in München die Eheschließung verweigert, das war 1982 - also auch noch nicht lange her! Der Kirche fehlte die Zeugungsfähigkeit: er hatte Muskelschwund und sie war blind. Man könnte jede Menge geschmacklose Witze daraus machen, wenn es nicht so bitter wäre. Schließlich wurden beide aber glücklich getraut: in einer evangelischen Kirche (aus: Darmstädter Echo, 3.12.1982)
Beim Kinderkriegen hörte der Spaß komplett auf: vor knapp 40 Jahren sperrte die Stadt Bremen einer jungen Frau das Arbeitslosengeld. Sie hatte bei einem Vorstellungsgespräch erwähnt, daß sie durchaus irgendwann einmal ein Kind haben möchte.
Wir haben es heute besser, können uns frei entscheiden und auch frei ausleben. Unsere Gesellschaft ermöglicht uns dies. Doch auch wenn heutzutage alle heiraten oder es lassen können: wenn Kinder kommen, gibt es für unsere moderne Gesellschaft eine Grenze, die nicht entschieden genug eingehalten werden kann: Gewalt in der Familie. Mal ist es nur das Rauchen der Eltern, während Kinder im Raum sind. Mal ist es aber auch Mord: wenn Eltern ausrasten und Säuglinge zu Tode schütteln oder Kinder immer wieder grün und blau schlagen. (Vortrag dazu am 3. Mai, siehe Seite 18)
Es war ein weiter Weg für die Frauen von der Herdhüterin zur Selbstbestimmung, doch vieles ist noch immer nicht erreicht.
Überlegen Sie also gut, was Sie wollen: einen guten Job mit Verantwortung, gleiche Chancen und Bezahlung, Respekt von Kollegen und Vorgesetzten? Dann arbeiten Sie daran! Oder werden Sie am heimischen Herd glücklich - bis daß der Tod Sie scheide... ...  Marieta Hiller

Nur mal angenommen... Sie sind eine Frau,

und Sie ärgern sich weil es in Formularen noch immer keine weibliche Endung in Berufsbezeichnungen etc. gibt. Sie schreiben Petitionen, Anträge, Beschwerdebriefe. Bestehen darauf, als Kundin, Kontoinhaberin, Antragstellerin, Kaminfegerin, Beanstanderin oder Nörglerin bezeichnet zu werden. Wird es deshalb jetzt alle Formblätter in zwei Farben geben: rosa und hellblau - und was wird aus den Farbenblindinnen?

Am schlimmsten erscheint Ihnen (Ihninnen?) das Wörtchen „man“. Rein sprachlich hat es nicht das Geringste mit Mann zu tun: im englischen spricht man von man als Menschheit, das Lateinische kennt homo für Mensch, woraus sich human ableitet - schon wieder human statt hufrau! Und was sollen nur die armen Bewohnerinnen der Insel Man tun! Ich kann Sie trösten: die Mutterwurzelsilbe Man(N) steht ursprünglich nicht für das männliche Geschlecht sondern für die Mutter, englisch „woman“ bedeutet vermutlich Bauchmutter (aus womb und man), alles nachzulesen bei Naturwissenschaftlerin und Patriarchatskritikerin Kirsten Armbruster, (https://kirstenarmbruster.wordpress.com/2015/07/13/die-mutterwurzelsilbe-mann/)

Haben Sie eigentlich nichts Besseres zu tun?

Während Sie sich um Wortklaubereien streiten, sind weiterhin Frauen im Berufsleben benachteiligt, werden schlechter bezahlt, kommen seltener in Führungsetagen, müssen sich als Alleinerziehende bei den Tafeln versorgen. Hier geht es nicht um Quotenfrauen oder seltsame Doppelnamen-Doppelspitzen, sondern darum, daß Frauen unabhängig vom Geschlecht nach ihren Leistungen eingestellt und bezahlt werden.

Glauben Sie, daß die soziale Gleichstellung der Frau durch „frau“ statt „man“ erreicht werden kann? Dann sollten Sie sich schleunigst an Ihren heimischen Herd zurückziehen und darüber nachdenken WER die Kinder üblicherweise erzieht und erzogen hat. Die könnten die Generation sein, die endlich tatsächliche Gleichberechtigung schafft, aber dazu müssen sie SIE erstmal ERNST NEHMEN.

Oder auch nicht... Marieta Hiller, März 2018

War früher wirklich alles besser? Steampunk - die rückwärtsgewandte Utopie

Die Gründerzeit um die vorletzte Jahrhundertwende herum: was für eine euphorische Zeit, als alles im Aufschwung war, als es noch Entdeckungen (hic sunt dracones!) zu machen gab, als neue Technologien noch sichtbar, hörbar, fühlbar und riechbar waren! Dampfeisenbahn, Unterseekabel für Telegrafie, große Fabrikationsanlagen, mechanische Wunderwerke! Wieviel schöner ist es, Technologie anfassen zu können, sie mit allen Sinnen zu erleben, als vor einer Kiste voller Elektronik zu sitzen, unsinnige Zeichenkombinationen hineinzuhacken und völlig abstrakte Ergebnisse herauszubekommen.

Zwei Welten prallen hier aufeinander, erbarmungslos

Elektrischer Strom kann zwar eine saubere Energie sein, aber ihn erleben möchte man lieber nicht am eigenen Leib - eine Gefahr, die man nicht sehen kann... Moderne Elektronik, Nanopartikel, Cloud-Datenspeicher, Alexa, Autofokus, vernetzte Haustechnik - das ist uns so unheimlich wie es einst schon Ray Bradbury empfand. Was er als Science Fiktion erdachte, ist heute Wirklichkeit, aber wir fühlen uns unbehaglich darin. Völlig unverständliche Vorgänge sind dadurch so selbstverständlich, daß wir sie nicht wahrnehmen, nicht „begreifen“ und nachvollziehen können.

Als wieviel schöner empfinden wir es, wenn eine Maschine rattert, dampft und ächzt und gelegentlich nach einem Tropfen Öl verlangt! Sie wirkt lebendig, bringt nicht nur Resultate, sondern führt ein Eigenleben, das unsere Aufmerksamkeit braucht. Wir müssen sie wahrnehmen und pflegen, damit sie funktioniert.

Industrie 4.0 - nein Danke!

Und so setzt Steampunk ein entschiedenes Gegengewicht zu Industrie 4.0, eine Weiterentwicklung nicht zurück in die Zukunft, sondern vorwärts in das längst vergangene glorreiche Erfinderzeitalter. Steampunk bezeichnet eine Mode, bei der man sich kleidet wie im viktorianischen Zeitalter, so eben wie das Personal in all den heißgeliebten Jules-Verne-Romanen herumläuft. Dazu sind Accessoires wie komplizierte Brillengestelle mit verstellbaren Linsen und unzähligen Stellschrauben, Dampfarmbanduhren, mechanische Raddeldaddelchen hier und da, Nonsensmeßgeräte und Zahnrädchen, Pleuelstängelchen, Greifzangen und viel verschnalltes und verschnürtes Leder unbedingt erforderlich. Nichts davon funktioniert elektrisch oder elektronisch, denn es heißt ja STEAMpunk. Ein bißchen erinnert das an die Anderswelt-Trilogie „der goldene Kompaß“ von Philipp Pullman, wo das Exotischste, was sich die Figuren vorstellen konnten, anbarische Energie war, also drucklose Energie, sprich elektrischer Strom.

Alltagsleben als Steampunk - nein Danke!

Aber natürlich ist die Steampunk-Subkultur eklektizistisch, das heißt sie wählt nur das aus, was ihr genehm ist. Sterben an einer Blindarmentzündung, wochenlanges Warten auf ein Telegramm, Bibliographieren!!!...

(so ging Google und Wikipedia vor 40 Jahren: man ging an einen Bibliothekskatalog, ein gigantisches Werk aus Karteikästen, und suchte sich mühselig die gewünschten Informationen aus hunderten von Querverweisen zusammen, um dann vier Wochen auf das gewünschte Druckwerk zu warten bis es über Fernleihe beschafft war..., und man lief immer Gefahr, genau das eine Druckwerk übersehen zu haben, das die aktuellste Information enthielt!)

..., Reisen mit Pferdekutsche auf unbefestigten Straßen, Sechstage-Arbeitswoche und Kinderarbeit - nein, diese Dinge wollen Steampunker heutzutage nicht. Aber fünf Minuten Gedenkzeit bis das „Magische Auge“ im Radio endlich empfangsbereit ist, um dann festzustellen, daß man moderne Sender nicht ohne weiteres reinbekommt, das hat schon was Romantisches...

Laßt uns den Brockhaus* wälzen, in einem Almanach** blättern! Mit allerfeinsten Gewichten abmessen, in Skrupel und Gran***, laßt uns den Zerknalltreibling**** anwerfen und eine Spritztour in die Sommerfrische machen! In diesem Sinne: laßt uns das nutzen was uns hilft, und Spaß an dem haben, was uns gefällt. Aber sagt niemals, daß früher alles besser war...

* DER?Brockhaus: das deutsche Universallexikon oder Enzyklopädie genannt, in mehreren schweren Bänden. Erste Vorläufer erschienen im 18. Jahrhundert, später bis 2009 von F. A. Brockhaus bzw. vom Bibliographischen Institut & F. A. Brockhaus AG herausgegeben. Die 21. Auflage erschien 2005, und  2013 verkündete der neue Verleger Bertelsmann, daß  die Brockhaus Enzyklopädie nur noch als Onlineausgabe erscheinen soll. Der letzte Herausgeber Wissen Media Verlag schloß sein Buchhandelsgeschäft 2014, die gedruckte Brockhaus Enzyklopädie wurde nicht mehr vertrieben. Und jetzt wollen Sie gerne ein Wort im Online-Brockhaus nachschlagen? Nach ein paar Klicks kommt man zu dieser nützlichen Information:

„Tauchen Sie ein in die Welt des Wissens. Zugang zu unseren Produkten erhalten Sie über Bibliotheken, Schulen, Institutionen sowie Unternehmen. Aktuell können wir Ihnen die Brockhaus Online-Enzyklopädie sowie unsere Junior-Nachschlagewerke nicht zum privaten Erwerb anbieten.“ https://brockhaus.de/info/privatpersonen/

** Almanach von lat. almanachus = astronomisches Jahrbuch, arabische Wurzel         mana?a: periodische, meist jährlich erscheinende Schrift zu einem bestimmten Thema

*** lat. scrupulus = spitzes Steinchen (was uns ängstliche Zurückhaltung abfordert, denn wer wollte es gern im Schuh haben?) Ein Skrupel wiegt  1/288 lb, 1/24 oz, 20 Gran, 1,25 Gramm (Nürnberger Apothekergewicht), 1,296 Gramm (britisches Apothekergewicht ab 1958)

***Zerknalltreibling = Verbrennungsmotor. Leider geht die Verwendung solcher sogenannter „Starckdeutscher“ Ausdrücke gar nicht, da sie an gewisse Bestrebungen aus dem dritten Reich erinnern, als alles - aber auch wirklich alles deutsch zu sein hatte - in einem Land das zu allen Zeiten ein Schmelztiegel von Menschen aus aller Herren Länder war.                                                                          

M. Hiller, Januar 2018

Wir drucken wacker weiter - und ihr werdet weiterhin lesen!

Papier ist geduldig, aber „print is out“ - keiner liest mehr. Das zeigt sich in den Fertigkeiten unserer Schulkinder: jedes fünfte Kind im Alter von zehn Jahren in Deutschland kann nicht richtig lesen. Deutschland ist seit 2001 von Platz fünf auf Platz 21 gesunken, was die Lesefähigkeit betrifft.

Unsere Redaktion (für die monatlich gedruckten Durchblick-Hefte, die in Lautertal und Modautal erscheinen und für diese Seiten hier bei den Felsenmeerdrachen) wird weiterhin dafür sorgen, daß Sie lesen können!

Dies kann jedoch nur gelingen, wenn Gedrucktes auch finanziert werden kann: der Durchblick erhält keine Förderung, keine Subvention. Alles wird aus eigener Kraft finanziert - dank der großen Unterstützung durch die lokale und regionale Geschäftswelt. Monat für Monat sorgen verschiedenartige Betriebe - Handwerk, Dienstleistung, Handel - dafür, daß das Heft gedruckt werden kann. Damit das auch weiterhin so bleibt, bitten wir unsere Leserinnen und Leser nicht nur darum, die Beiträge zu lesen, sondern vor allem auch zu berücksichtigen, daß es allen nutzt, wenn der nächste Einkauf oder Auftrag in der Region bleibt. MyHammer oder Amazonische Dörfer aus E-Bayern zum Beispiel spenden keine Tombolapreise für die nächste Vereinsveranstaltung!

Alles was nicht ins Heft paßt, wird ausführlich im Geschichten-Zettelkasten auf www.felsenmeerdrachen.de gestellt, ergänzt durch viele Fotos, die ich bei eigenen Ausflügen und Reisen machen konnte. Hier lesen Sie z.B. alles über die Ortsteile Lautertals und Modautals - nicht vollständig, sondern im Werden. Denn Sie selbst können viel dazu beitragen: mit Informationen, Hintergründen, schönen Fotos. Oder Sie finden hier Informationen über alte Maße und Gewichte, über den Geldwert im Lauf der Zeiten, über historische Bräuche und ihre Gründe, über Kelten, Römer und mittelalterliche und moderne Berufe wie den des Steinarbeiters.

Aktuell entstehen die Seiten „aus Küche und Keller“ die ständig ergänzt werden auf Grundlage alter Texte aus dem Kochbuch Lautertaler Dibbezauber (1996). Auch daran dürfen Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich beteiligen! Und unseren Anzeigenkunden bietet sich hier die Möglichkeit, direkt an der passenden Stelle einen Link zu ihrem eigenen Angebot zu setzen. So finden Sie z.B. unter dem Foto oder Text über eine historische Gaststätte einen weiterführenden Link dorthin und können gleich einmal dort einkehren!

Die Redaktion wünscht weiterhin viel Spaß mit dem Durchblick und beim Schmökern auf diesen Seiten. In der Rubrik Brandneues finden Sie dort immer die aktuell neuesten Themen.

Marieta Hiller, im Januar 2018

Unsere Kapitallebensversicherungen fallen einem Schnäppchenjäger zum Opfer...

Nur mal angenommen...

Sie haben vor vielen Jahren vertrauensvoll eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen, zur Absicherung Ihres Ruhestands. Dazu sind Sie zur persönlichen Versicherungsberatung durch einen Mitarbeiter eines führenden deutschen Versicherers gegangen. Sie sind gut beraten worden und seither sehr zufrieden (wenn auch der zu erwartende Auszahlungsbetrag seit Abschluß vor 30 Jahren stetig gesunken ist). Ihre Versicherung hat Ihnen immer Sicherheit gegeben und Sie haben sich darauf verlassen, daß das auch so bleibt. Immer wurde betont, daß hinter der Gesellschaft eine kapitalstarke Eigentümerin steckt und Sie sich auf einen herausragenden Service verlassen können.

Was aber wird, wenn die Geschäftsleitung jetzt auf die Idee kommt, diese Versicherungen - und es geht immerhin um sechs Millionen Policen und rund 56 Milliarden Euro Kapitalanlagen - zu verkaufen? 6 Millionen Betroffene und 1000 Mitarbeiter bangen jetzt um Arbeitsplatz und Rentensicherheit,
denn wenn das Lebensversicherungsgeschäft in einer "tragfähigen Lösung" und zu "attraktivem Preis" an eine Abwicklungsplattform oder einen Hedgefonds verkauft wird, ist nicht nur das Vertrauen in jahrzehntelange stabile Versicherungspolitik dahin. Die Beschäftigten haben Anfang Oktober 2017 einstimmig gegen den Verkauf votiert, ihnen geht es auch darum, das bisherige Vertrauensverhältnis zu ihren Kunden zu bewahren. Denn sie haben jetzt einen schweren Stand, haben die gesamte Sache
dem Kunden gegenüber zu vertreten und müssen Kritik und Schelte ausbaden. Und 6 Millionen Betroffene wissen nicht, ob sie morgen noch ein Ruhegeld haben. Stattdessen erfahren sie am eigenen Leib was es heißt von einem Schnäppchenjäger abhängig zu sein!

Marieta Hiller, Nov 2017

Nur mal angenommen...

Janusz Korwin-Mikke

Sie sind schwanger und bereiten sich auf die Geburt vor. Suchen eine Hebamme in der Nähe. Sollten Sie sich darüber vor der Empfängnis noch keine Gedanken gemacht haben, wird es ein böses Erwachen geben: genauso wie frau sich am besten vorher schon einen Kindergartenplatz sichert, sollte sie auch nach einer Hebamme suchen. Denn seit 2010 ist Deutschland von einem Hebammensterben befallen: seitdem bedrohen unbezahlbare Haftpflichtprämien die Existenz der Hebammen und die flächendeckende Versorgung der Gebärenden - auch viele Geburtsstationen in Krankenhäusern machen dicht. In den bestehenden Kliniken herrschen denkbar schlechte Arbeitsbedingungen für Hebammen. Beleghebammen klagen über permanent überfüllte Kreißsäle, selbständige Hebammen arbeiten am absoluten Limit, um ihre Lebenshaltungskosten bestreiten  zu können. Sie als werdende Mutter sind schlimmer dran, als die Frauen damals, die nur einen halben Tag auf die Ankunft ihrer Ammemodder warten mußten. Ein klassischer Frauenberuf: anstrengend, verantwortungsvoll, unterbezahlt. In diesem Fall sind außerdem auch die Leidtragenden Frauen, denn es kommt eher selten vor, daß Männer Kinder bekommen.

Das ist ja auch gut so: denn Frauen sind schwächer, kleiner und weniger intelligent - wie sich kürzlich ein polnischer Abgeordneter (Janusz Korwin-Mikke) im EU-Parlament (im März 2017, nicht etwa anno 1900!) bei einer Debatte über die Kluft bei der Bezahlung von Männern und Frauen äußerte. Laßt also den Männern die wirklich wichtigen Aufgaben, z.B. das Redenschwingen in Parlamenten, und fügt euch in euer Schicksal, Frauen!

Doch hört: ganz aktuell gibt es bei uns einen jungen Mann aus Eritrea, der in seiner Heimat als Geburtshelfer über 300 Kinder zur Welt brachte. Auf seine Frage, ob es in Deutschland denn männliche Hebammen gibt, recherchierte ich kurz, und ruckzuck hatte ich mehrere Antworten: ja es gibt sie. Wann endlich fangen diese an, ihre Lebenssituation männergerecht zu gestalten?! Die Frauen warten doch darauf...

Frage: Würden Sie als junge Frau diesem netten älteren Herrn Ihren Platz im Bus anbieten?
Mal ganz ehrlich: ich hätte ihm eher Prügel angeboten.

Marieta Hille, im Oktober 2017

Fundstück: Das Perfunzativ

„Verwirrung hebt das Interesse“ war einer der Lieblingssprüche des Fachlehrers Ottokar Schnefzuk, der eines Tages betrübt feststellen mußte, daß zahlreiche Schüler schon nach wenigen Minuten Unterricht in einen nicht vorgesehenen Dämmerschlaf verfielen.

„Sie sind nicht genügend verwirrt“, dachte Schnefzuk, und um diesem Übelstande abzuhelfen, flocht er alsbald folgenden Passus in seinen Vortrag ein: „Wir kommen nun zu dem überaus wichtigen Perfunzativ, einem Beipro-dukt der bereits erwähnten Zwetschel. Um das Perfunzativ von der störenden Ubiquenz alfafahaltiger Quostanten zu befreien, müssen wir es mit einer Rorchel aus fosziliertem Schmirch revertebrieren, in Butaltat tauchen und mehrmals fnoggeln. Mit anderen Worten: Wir re-portieren den Glof in solcher Weise, daß jedes einzelne Perfunzativ mit Tolipetten verschneffelt und ohne weitere Entzwetschelung billig zu Mahagoni dislobiziert werden kann. Hat noch jemand eine Frage?“

„Jawohl Herr Fachlehrer“, kam eine dösige Stimme aus den hinteren Bänken, „bitte was ist Mahagoni?“                  

Erich J. Frank, 1959

Einwurf: Warum Frauen kein Hazet-Werkzeug kaufen

Neulich fuhr ich hinter einem vergißmeinnichtblauen Hazet-Montagewagen her, dessen Heck mit einem praktischen Werkzeugschrank warb. Verziert war das Ganze mit der Abbildung einer halbnackten Blondine (knackig), die sich wohl nicht entscheiden konnte, ob sie nun aus dem Blaumann rausspringen oder lieber erstmal den Schraubenschlüssel ansetzen will.

Zuerst dachte ich so bei mir: „die blöde Kuh, die wird ja ganz ölig und friert!“

Zweiter Gedanke: „Sexismus im deutschen Handwerk: nicht vom Aussterben bedroht...“

Dritter Gedanke: „was glauben Männer eigentlich, welches Männerbild Frauen durch solche Werbebotschaften gewinnen? Funktionieren Männer wirklich nur mit Pinups?“

Vierter Gedanke: „so seh ich nicht aus. Also ist das Werkzeug nix für mich.“

Frage an Hazet: Zielgruppe erreicht?

Frage an die weibliche Hälfte der Menschheit: kommen wir besser vorwärts, wenn wir nicht selbst schrauben, sondern unsere Reize einsetzen? Bloß: wer eilt dann MIR mit dem Schraubenschlüssel zu Hilfe? Ich bin leider über das knackige Alter leicht hinaus...

M. Hiller, September 2017

Lesen für Mädchen und Alkohol für Schüler

Wir feiern 2017 das Lutherjahr. Martin Luther reformierte nicht nur den christlichen Glauben, ohne ihn könnten Sie heute auch nicht den Durchblick lesen. Nicht daß Luther höchstpersönlich dem Durchblick den Weg geebnet hätte - aber er hat etwas sehr Weitreichendes geschaffen: gemeinsam mit Johannes Gensfleisch Gutenberg löste er eine Revolution aus. Denn erst Martin Luther gab der jungen Druckerkunst Gutenbergs ein Thema, dessen Verbreitung sich lohnte, den ersten Bestseller der Geschichte. Gedrucktes wurde durch ihn verständlich und durch Gutenberg erschwinglich. Vorher wurden die Kirchenväter und antike Philosophen in Auflagen von höchstens 200 Exemplaren gedruckt - in lateinischer Sprache, die Kirche wollte dem gewöhnlichen Volk nichts von ihren Geheimnissen preisgeben. So war das Lesenlernen für jenes Volk auch von allergeringstem Interesse.

Nun aber wurden Luthers Traktate* mit 300.000 Exemplaren gedruckt und fanden reißenden Absatz. Alle Welt wollte lesen lernen, es entstand Öffentlichkeit. Luther erfand die Fortsetzungsgeschichte im Abonnement: so wurde der Kaufpreis für ein Buch auf viele kleine Portionen verteilt. Er forderte Bildung für alle, auch für Mädchen. Das ist es, was ich persönlich besonders an Martin Luther schätze, auch wenn er zeitlebens antisemitische und frauenfeindliche Äußerungen von sich gab.

Ohne die Druckerkunst wäre Bildung für alle nicht möglich geworden, diese und Luther haben sich gegenseitig gefördert in einer Zeit, in der wissenschaftliche Diskurse auf Latein in schwergewichtigen Wälzern geführt wurden. Luther dagegen schrieb seine Botschaften kurz und prägnant auf deutsch, man konnte sie in 10 Minuten vorlesen.

Die ersten Zeitungen entwickelten sich aus dem Prinzip von Luthers Flugschriften: maximal 4-8 Bögen, 2x gefaltet. Zum Ausbruch des 30jährigen Krieges verbreitete sich so bereits auf basisdemokratischem Wege Ideologie.

*Traktat = Gezogenes (vgl. Traktor = Ziehendes) oder Abzug. Ü50er erinnern sich gern an ihre ersten Kontakte mit Alkohol: als 12jährige hingen wir nicht an der Schnapsflasche, sondern meldeten uns begeistert für alles, was auf dem Matrizendrucker abgezogen werden mußte. Das nannte man Hektografie, eine Technik aus der Zeit vor dem Fotokopierer. Zuvor mußte man seinen Text ohne Farbband, also blind, auf Matritzenpapier tippen oder schreiben. Davon ließen sich dann maximal 250 Abzüge drucken. Der Druck erfolgte von einer wachsbeschichteten Folie, die über eine spiritusgetränkte Rolle gezogen wird, wobei sich Wachspartikel lösen. Je mehr Abzüge, desto weniger Wachs auf der Matritze. Deshalb konnte man ab dem 100. Abzug auch nicht mehr viel entziffern. Aber selbst die verschwommensten Abzüge wurden von uns gerne beschnuppert...

 

 

Hochproduktiv nur noch im selbstreferenziellen Informationsraum...

Die digitale Revolution ist in aller Munde: anstatt ins Gasthaus zu gehen, lassen wir Mahlzeiten vom Lieferheld bringen, statt zum Schreiner um die Ecke zu gehen engagieren wir einen von MyHammer. Mittelständische Betriebe setzen auf vernetzte Produktion, Maschinen und Produkt regeln untereinander die Abläufe. Die Produktionsmittel wandern aus den Händen der Unternehmer in die Fänge der wahren „Kapitalisten“, einer Sorte Unternehmen, von denen Karl Marx vermutlich nicht mal Alpträume hatte. Maschinen werden nicht mehr angeschafft, sondern der Unternehmer „mietet“ Maschinenstunden. All dies nennt sich Industrie 4.0.

Die großen wirtschaftlichen Revolutionen:
1. Nutzbarmachung des Feuers & Seßhaftwerdung
2. Dampfmaschine & Rotationsdruck
3. Öl & Telefon
4. erneuerbare Energien & Internet = Industrie 4.0.      Lesen Sie dazu Details weiter unten in dieser Rubrik.

Hinzu kommt Big Data: große Datenmengen werden verarbeitet, ausgewertet und zur Verfügung gestellt,  sensible Kundendaten werden in Clouds aufbewahrt. Neue Währung ist der Klick, der entscheidet, ob wir auf dem digitalen Markt bestehen oder nicht. Datenhändler erlangen eine unermeßliche Macht, können Filterblasen und Echoräume erzeugen, in denen sich die uns wahrnehmbare Realität ständig neu auf unsere geheimsten Wünsche einstellen läßt. Nachzulesen übrigens in einem utopischen Roman von Ray Bradbury aus dem Jahr 1953: „Fahrenheit 451“.

Was wir heute aber gar nicht merken: die wirkliche Realität entgleitet uns. Die Gesellschaft hat sich fragmentiert, wie Prof. Dr. Henning Vöpel (Hamburgisches Welt-WirtschaftsInstitut) feststellt. „Die Digitalisierung wird räumliche und zeitliche Grenzen aufheben. Das zieht einen gesellschaftlichen Veränderungsprozeß nach sich, der vielen unverständlich und unbehaglich vorkommen wird. Die Gesellschaft ist seitdem fragmentiert.“ Den Grund sieht Vöpel darin, daß unsere Gesellschaft kein sinnvoll definiertes Gemeinwohl anstrebt. „Ökonomie bedeutet nicht nur Effizienz und Handel, sondern immer auch Legitimität und Kultur im Umgang mit Knappheit, Chancen und  Gerechtigkeit.“ Kein IT-Beraterteam kommt zu uns nach Hause und schmiert uns Butter aufs Brot, während wir im Internet nach dem günstigsten Schnäppchen suchen...

Die Globalisierung mit ihrer internationalen Arbeitsteilung spaltet die Gesellschaft  der Industrieländer in zwei Hälften »arm« und »reich«, die Mitte geht verloren. Kapital läßt sich auf globalen Wegen bestens verschieben, Arbeitsplätze leider nicht. Das ist  keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern unsere digitale Zukunft. Wir sollten mehr unter Menschen gehen, mit Menschen sprechen, bei Menschen einkaufen. Filterblasen (selbstreferenzielle Informationsräume) können nicht die reale Gesellschaft ersetzen, soziale Medien schaffen keine Behaglichkeit mit Freunden. Populistische Strömungen in der Politik agieren mit Worthülsen ohne erkennbare politische Ziele, von der eigenen Profilierung abgesehen. Die Verantwortung für gesellschaftliches Miteinander ist zweitrangig. Und genau wie vor 84 Jahren gibt es parallel zur gesellschaftlichen Wahrnehmung eine Veränderung der Sprache. Muß eine dreiste Lüge „postfaktischer Diskurs“ genannt werden? Kann ein Problem nur mit Ja oder Nein, schwarz oder weiß gelöst werden? Farbe entseht erst bei der angeregten Diskussion, bitte mit Komparativ!                      

Marieta Hiller, Februar 2017

Auch das haben wir Menschen gebaut...

Laika

In einer Kugel aus Metall,
Dem besten, das wir besitzen,
Fliegt Tag für Tag ein toter Hund
Um unsre Erde
Als Warnung,
Daß so einmal kreisen könnte
Jahr für Jahr um die Sonne,
Beladen mit einer toten Menschheit,
Der Planet Erde,
Der beste, den wir besitzen.

Günter Kunert

Das schrieb der DDR-Dichter Günter Kunert im Jahr 1963. Damals dachte noch kein Mensch an die »Grenzen des Wachstums«, wie sie sich im Jahr 1972 in einer Studie des Club of Rome zur Zukunft der Weltwirtschaft zeigten; an eine tote Menschheit auf einer ausgelaugten Erde wollte sich noch niemand vorstellen.

Weder im Wirtschaftswunderland BRD noch in der jungen DDR erkannte man die visionäre Brisanz des Gedichtes. Dagegen wurde Laika (es gab sie wirklich!) für die DDR zur staatstragenden Institution, nachdem sie im November 1957 im sowjetischen Sputnik2-Satelliten ihr Leben ließ: der DDR-Staatsapparat interpretierte eine Tierschutz-Werbung von Pfarrer Siegfried Wend als antisozialistische Propaganda, da sie das Foto eines Hundes zeigte. Daß Günter Kunert sich mit seinem Gedicht nicht gerade beliebt machte in der DDR, liegt auch auf der Hand.

Die Realität heute zeigt, daß wir gelegentlich nur um Haaresbreite davon entfernt sind, als strahlend tote Menschheit um die Sonne zu kreisen, eingehüllt in einen breiten Gürtel aus Weltraum-Müll.

Marieta Hiller, Sept. 2016

Industrie 4.0 und wir...

Der Begriff Industrie 4.0 wurde von der Forschungsunion der deutschen Bundesregierung gemeinsam mit einem Projekt in der Hightech-Strategie der Bundesregierung aus der Taufe gehoben, als neue Ebene im Bauwerk der industriellen Revolutionen.

Alles begann mit der Nutzbarmachung des Feuers mit Seßhaftwerdung und Sprache als Folge; das fand 15.000 v. Chr. statt.

Ab ca. 1800 n. Chr. ging es dann schnell:

1. Dampfmaschine & Rotationsdruck,
2. Öl & Telefon
3. erneuerbare Energien & Internet und nun also
Industrie 4.0.

Diese Entwicklungsstufe kombiniert die industrielle Produktion mit der Informations- und Kommunikationstechnik. Bei allen Stufen kam und kommt ein Fortschritt durch das Zusammenwirken einer neuen Energie (Feuer, Kohle, Öl, regenerative Energien) und einer neuen Kommunikationsform (Sprache, Druck, Telefon, Internet) ins Rollen.

War die bisherige Industrie bereits durch Einsatz maschineller Rechenleistung optimiert, wird jetzt Mensch, Maschine und Internettechnologie

 

Sowohl Kybernetik („Internet der Dinge“) als auch Dezentralisierung in Netzwerken sollen für produzierende Betriebe einerseits die Kostenseite optimieren, andererseits die Produktqualität sichern. Gleichzeitig müssen Betriebe in immer stärker und schneller sich wandelnden Märkten bestehen. Damit entwickelt sich die Wirtschaftslandschaft weg von der persönlichen Betriebsleitung in Familienbetrieben hin zu Organismen, deren Geschäftsleitung häufig wechselt und lediglich Profitmaximierung im Blick hat.

 

Dafür sind sie weltweit vernetzt und produzieren Module auf Abruf, die „just in time“ über volle Verkehrswege zum Montageort gebracht werden. Der einzelne Betrieb hat immer weniger Überblick über und Einfluß auf das fertige Produkt. Damit verliert der Herstellungsprozeß auch für die Mitarbeiter seinen Wertschöpfungscharakter, sie fühlen sich als Arbeitsameisen. Maschinen und Geräte mit Sensoren übernehmen große Bereiche der Produktion; wo früher zahlreiche Facharbeiter tätig waren, genügt heute eine Person zur Überwachung der Geräte.

Das Internet der Dinge und das Internet der Menschen übernimmt den ganzen Rest. Digitale Modelle der Fertigungsanlage werden mit Sensordaten gefüttert und erstellen ein virtuelles Abbild der realen Welt, können den menschlichen Beschäftigten präzise Anweisungen geben, welche Eingabe die Anlage als nächstes benötigt. Der Mensch wird von dieser technischen Assistenz in allen Entscheidungen geführt und überwacht. Auftretende Probleme können so schnell aus der Welt geschafft werden, bei anstrengenden Arbeiten wird der Mensch entlastet. Die kybernetische und vernetzte Intelligenz arbeitet scheinbar autonom...

 

„Künstliche Intelligenz ist das nicht, das ist lediglich eine gigantische Rechenkapazität"
(Zitat einer Arbeitsameise)...

 

In diesem Sinne: frohes Schaffen! M. Hiller, Sept. 2016

Javids Rede

Mondwanderung bei Sonnenfinsternis

Die letzte Sonnenfinsternis für viele Jahre: Friedrich Krichbaum hat die Phasen in einer Collage nebeneinandergesetzt

Am 20. März 2015 konnten wir in unseren Breiten die letzte Sonnenfinsternis für die nächsten Jahrzehnte erleben. Mit einer Schweißerbrille saßen wir vor der Tür und schauten abwechselnd zur Sonne. Der Mondschatten wanderte deutlich sichtbar vor der Sonne vorbei.

Aber eines verwunderte uns doch sehr: warum wanderte der Mond von rechts nach links durch die Sonne, wo doch jeder weiß daß der Mond im Osten aufgeht und nachts RECHTSHERUM über Süden nach Westen wandert! Nachts ist halt alles anders als tagsüber.

Einfache Antwort auf die seltsame Frage: die Sonne ist vom Erde-Mond-System sooooo weit weg, daß sie wie ein Fixpunkt wirkt (ist sie ja auch), vor dem sich die Eigendrehung der Erde zusammen mit dem vorüberziehenden Mond als Rechts-nach-links-Bewegung darstellt.

Die Fotos der Sonnenfinsternis machte Friedrich Krichbaum aus Reichenbach. Er hat es gern mit dem Mond zu tun, wie sein Schummelfoto von der Felsenmeer-Saisoneröffnung am Ostersamstag 2015 zeigt ...

Speichern zwecklos...

Donnerstag der 19. Februar 2015, 19.45 Uhr in Lautern.

Die Daten des März-Durchblick waren gerade durch das Kabel nach Beedenkirchen gekrochen, da flackerte es und dann wars dunkel. Da sitzt man dann ziemlich ratlos bei Kerzenlicht vor dem schwarzen Bildschirm und hat obendrein grade ein so verstörendes Buch wie Blackout gelesen. Kommt der Strom wieder oder war es das jetzt?

„Eine Stromtrasse durch ganz Deutschland wollen wir nicht“ tönte es gestern noch aus dem Radio - Sie wissen schon, die Monsterstromtrasse, die Deutschland spaltet, regenerativen Offshore-Strom in unsere Steckdosen bringen soll. „Wir wollen lieber regionale Energiequellen nutzen“ - ich traute meinen Ohren nicht.

Regionale Energiequellen? Aber nicht aus Windkraft! Zum Glück gibt es doch Wasserkraft, Kuhfürze und Erdwärme als Energiequellen! Aber halt: Rückgang der Landwirtschaft! Müssen wir uns unsere eigene Furzkuh ins Nebenzimmer stellen, damit es im Haus schön warm ist?

Oder Wasserkraft, Mühlen als Ursprung menschlicher Energiegewinnung! Wo gerade der Odenwald als besonders wasserreich bekannt ist. Oder Erdwärme: ruck zuck durch den Granit wie durch Butter in die Erdkruste, pfeif auf die paar Erdbeben!

Interessant was einem so alles durch den Kopf geht, wenn man bei Kerzenlicht drüber nachdenkt, wie unser Leben eigentlich funktioniert - und plötzlich funktioniert nichts mehr.

24 Stunden hält der Gefrierschrank durch, sechs Stunden bleibt die Wärme im Haus. Wie lange reichen Kerzen und Taschenlampenbatterien? Denn hell wird es morgen früh nicht: dafür sorgen die elektrischen Rolläden, die uns durch ihre Zuverlässigkeit schon manchen Euro an Heizkosten gespart haben. Einen Raum könnten wir heizen, mit Katalytofen und Gasflasche. Die steht aber auf dem Balkon, und da sind die Rolläden zu...

Wie lange funktioniert die Wasserversorgung? Fünf Liter Wasser stehen im Schrank als eiserne Reserve für überraschende Wasserrohrbrüche in der Nachbarschaft.
Ein Schlachtplan für die Lebensmittel muß her: zuerst essen wir die Kühltruhe leer. Es gibt also eine Woche lang aufgetaute Steaks von der letzten Familienfeier. Dazu Brot und TK-Gemüse, was halt so da ist. Frisches Brot backen? Fehlanzeige. Der Vorratsschrank ist zwar voller Getreide, aber die Mühle funktioniert elektrisch. Apropos Vorratsschrank: Hamsterkäufe sind völlig außer Mode, und so haben wir ein paar Päckchen Hülsenfrüchte, Getreide, fünf Dosen Leberwurst, ein Glas Wienerle und eine Dose Thunfisch im Schrank. Und die guten Äpfel aus dem Garten, die draußen auf dem Balkon lagern - aber auf den Balkon kommen wir ja nicht...

Weitergedacht: du brauchst jetzt Bargeld. All das schöne Geld auf der Sparkasse kommt ohne Strom ja nicht aus der Wand. Ist das Auto vollgetankt? Der Handyakku aufgeladen? Wie fängt man die Rehlein im Walde, und wie bereitet man sie zu - ohne Kernthermometer-Backofen, ohne Klöße und Preiselbeeren (die gibt unser Vorratsschrank leider nicht her...)

Die Schnapsvorräte! Gut, daß dieser Vorratsschrank voll ist - da kann man sich die Lage wenigstens schöntrinken, wenn nichts mehr hilft. Um 20.26 Uhr ging das Licht wieder an, unsere Augen hatten sich schon ans Höhlendasein gewöhnt und wir waren erstmal geblendet. Die Spülmaschine spülte, der Fernseher erzählte fröhlich weiter ohne Punkt und Komma, und der PC fuhr ordnungsgemäß wieder hoch.

Ich denke noch, ich habe doch eine externe Stromversorgung dranhängen - da fällt mir ein, daß daran noch der alte PC eingestöpselt war. Fürs Umstecken hatte ich noch keine Zeit gefunden, also jedenfalls keine Zeit mit höchster Priorität... Inzwischen ist der 17. März, und am Akkupack hängt immer noch der alte PC. Marieta Hiller

Contracting: Löschknotenpunkte lösen Feuereimer und LF8 ab

Früher mußte jeder Bürger im Dorf einen Feuereimer haben, mit dem im Falle eines Feuers Löschwasser vom Dorfteich zum Brandherd gebracht werden konnte. Die Bewohner bildeten eine Eimerkette, jeder brachte seinen Löscheimer mit.

Später bildeten sich die Feuerwehren, auf den Dörfern ehrenamtlich, in Städten oft als Berufsfeuerwehr. Doch die Freiwilligen Feuerwehren in den Ortschaften leiden immer stärker unter Mangel an Aktiven und an Nachwuchskräften, immer mehr aktive Brandschützer finden keinen Arbeitsplatz vor Ort und haben weite Wege. Im Falle eines Feueralarms könnten sie daher nicht zur Stelle sein.

Deshalb betrachten die Feuerwehrvereine es als erforderlich, die Sicherung des Brandschutzes über technische Einrichtungen zu erreichen. Am 1. April 2014 fand daher ein Gespräch der Feuerwehrvereine mit der Firma „Purgatoriomobil technische Dienste GmbH & CoKG“ aus Bielefeld statt, die bereits die ZAKB bei der Anschaffung ihres neuen Entsorgungsfuhrparkes beraten hatte. Zahlreiche Wehrführer und Vereinsvorsitzende aus dem vorderen Odenwald waren anwesend und vom Purgatoriomobil-Konzept recht angetan.

Dieses sei an die modernen Anforderungen des Löschwesens optimal angepaßt, berücksichtige die geringe Verfügbarkeit von Löschkräften und Wasserzapfstellen in den Ortschaften. Künftig wird daher auch in den Gemeinden Lautertal und Modautal sowie in der Stadt Lindenfels eine Umstellung des Fuhrparks auf voluminöse Allroundfahrzeuge anstelle der guten alten LF8 erfolgen.

Zur Finanzierung der Umstellung legte Firma Purgatoriomobil ein schlüssiges Contracting-Konzept vor. Vorfinanziert wird die Anschaffung der neuen Großraumlöschfahrzeuge über ein Konsortium aus Bau-, Renovierungs- und Möbelunternehmen, das als Aufbaupartner im Brandfall für die betreffenden Gemeinden zuständig sein wird. So kommen auf die Gemeinden selbst keine Kosten zu.

Einziger Nachteil der Umstellung: die großen Fahrzeuge können nicht mehr jeden Brandherd ansteuern, vor verwinkelten Gassen, zugeparkten Wendehammern, engen Wohngebieten müssen sie Halt machen, zumal das Kraftfahrpersonal strikte Anweisung seitens der Unfallversicherung hat, auf keinen Fall rückwärts zu fahren.

Die Fahrzeuge sind aufgrund ihrer Multifunktionsausrüstung nicht dazu ausgelegt, Steigungen über 5% zu bewältigen. Des-halb werden an Haushalte in solchen problematischen Wohnlagen in der ersten Aprilwoche 2015 Igni-Safes, eine Art hochmoderner Feuereimer, ausgegeben.

Die Bewohner sind dann gehalten, eventuell vorhandene unbeabsichtigte und schadensträchtige Feuer oder Brände rückstandslos in ihren Igni-Safe zu verbringen, diesen sorgfältig zu verschließen und sich sodann damit unverzüglich zum nächsten Löschknotenpunkt zu begeben, wo der Igni-Safe vollautomatisch durch ein leeres Exemplar ersetzt wird.

Die Löschknotenpunkte sind jeweils in der Nähe von Kleidercontainern, Altglascontainern und Papiersammelbehältern zu finden und mit einem dicken roten L gekennzeichnet. Sie werden durch eines der modernen Multifunktions-Löschfahrzeuge (MF 17) der Firma Purgatoriomobil besetzt, das mühelos 17 gefüllte Igni-Safes aufnehmen kann. Sind alle Ersatz-Igni-Safes ausgegeben, fordert das MF 17 selbständig einen Kraftfahrtsachverständigen an, der es paragraphenkonform zur Feuer-Entsorgungszentrale Biebesheim steuert. Selbstverständlich wird gleichzeitig ein neues LF17 seinen Platz einnehmen, so daß eine lückenlose Brandentsorgung für die Bürger gewährleistet ist. (Marieta Hiller, erschienen am 1. April 2015 im Durchblick)

Volxmusik als Renner in der Unterhaltungsbranche

Hätte mir vor zwanzig Jahren jemand gesagt, daß ich einmal regelmäßig eine Sendung namens „Wirtshausmusikanten“ ansehen würde, ich hätte ihm den Vogel gezeigt.

Doch die Musiker, die in dieser Reihe des bayrischen Rundfunks vorgestellt werden, sind durch die Bank erstens hervorragende Könner und zweitens beschäftigen sie sich gerne damit, eine lebendige und unverkitschte Musik vorzutragen, der man anmerkt, daß sie aus dem wirklichen Leben kommt und nicht aus den Gehirnen einiger Showmaster, die den Begriff „Volkstümliche Musik“ mit dem (bösartig so genannten) „Mutantenstadel“ in bodenlosen Verruf gebracht haben.

Leider erinnert die Präsentation der Wirtshausmusikanten etwas an diese „Botschafter der Volkstümlichkeit“: Trachten und Dirndl und ein schnörkeliges Vollholz-Ambiente, auch Moderatorin Traudi Siferlinger ist gewöhnungsbedürftig (gelegentlich, besonders wenn sie lacht, klappt ihr Kopf halb auseinander) - aber Geige spielt sie großartig. Die Musikanten präsentieren handgemachte, witzig-ironische bodenständige Volksmusik, und in der entsprechenden Szene schreibt man Volxmusik oft mit X.

Gruppen wie Herbert Pixner und Kerberbrothers Alpenfusion, die Cuba Boarischen u.a. sind „traditionell schräg dahoam“, wie die Moderatoren (Wolfgang Binder ist der Zweite im Bunde) ihren „Tradimix“ charakterisieren. Alpenländischer Jodler trifft auf jazzige Landler, Volkstanz auf Rumba und Bayern auf den Rest der Welt. Wobei man „Bayern“ hier sehr großzügig umreißt, denn oft sind auch Musikanten aus Österreich und der Schweiz dabei.

Viel zu selten zu sehen im Bayrischen Fernsehen.

Infos: http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/wirtshausmusikanten/wirtshausmusikanten102.html

(April 2012, Marieta Hiller)

„Mer sinn all vum Ourewoald“ am 22. März 2014 in der Lautertalhalle

Die Odenwälder Mundart lebt, und den Beweis tritt der Verschönerungsverein Reichenbach am 22. März 2014 an, wenn er zu einer Veranstaltung mit mehreren Odenwälder Gruppen einläd.

Nachdem die Schule für lange Jahre das Dialektsprechen unterband, nachdem ein Mensch mit Bildung jahrzehntelang zugleich einer ohne regionale Sprachbesonderheiten war, findet man allmählich wieder zurück dazu, daß Dialekte bewahrt werden müssen, bevor auch ihr letzter aktiver Sprecher verstorben ist.

Auch die Odenwälder Mundart muß bei jüngeren Menschen wieder fest verankert werden. Deshalb wurden Künstler aus dem Odenwald eingeladen, von Albersbach, Wald-Michelbach, Hoxhohl, Überau, Weiher und Lengfeld. Die jüngsten Aktiven sind die Kinder des Kindergartens Lautern.

Die Veranstaltung soll ausdrücklich keine Ü60- oder Retroveranstaltung unter dem Motto „wie schäi alles frieher woar“ werden, sondern eine lebendige Musikrevue für jedes Alter. So wird auch eine frühere AC/DC-Coverband mitwirken. Die musikalische Regie führt Fritz Ehmke.

Karten ab Mitte Februar 2014 bei Albrecht Kaffenberger T4el 062654-942270 oder in der Felsberg-Apotheke Reichenbach Tel 06254-1210.

Sollte bei der Veranstaltung ein Überschuß erwirtschaftet werden, wird er in die Förderung des Odenwälder Dialektes reinvestiert.

Das Ende der Weisheit ...

Man neigt ja gern dazu zu glauben, der aktuelle Stand der Wissenschaft sei der letztmögliche. Als Max Planck sein Studienfach Physik wählte, riet man ihm ab: es sei ja alles Wesentliche bereits erforscht. An die Quantenphysik dachte damals niemand, man konnte sie sich einfach nicht vorstellen.

Heute denken wir es ist überall angekommen, daß Umwelt geschützt, Energie gespart, daß Armut bekämpft werden muß. Tatsache dagegen ist, daß der Funkturm Mannheim seit einigen Monaten nachts beleuchtet wird, und die  Naturschützer sind einverstanden!

Die isländische Hafenstadt Hafnarfjördur, Standort eines großen Aluminiumwerkes, leistet sich gar blau leuchtende Strommasten, weit sichtbar über Land. Sieht schick aus, und da kümmern niemanden die unzähligen Vögel, die irregeleitet unter solchen Masten - wie das ja von Windkraftanlagen auch behauptet wird - Morgen für Morgen drunterliegen, angeblich...

„In den Hochzeiten der Atomtests in Nevada/USA fuhr man im Familienauto auf Parkplätze mit guter Aussicht auf die Atompilze und machte Picknick. Die staatlichen Techniker in weißen Laborkitteln mit ihren Geigerzählern wurden umringt, jeder wollte wissen, wie radioaktiv er denn nun war, es war eine große Attraktion." Nachzulesen bei Bill Bryson: Mein Amerika - Erinnerungen an eine ganz normale Kindheit ISBN? 978-3-442-30116-4.

Man fragt sich: wäre so etwas heute wirklich viel anders? Und Peter Ustinov hat einmal gesagt: „Noch niemals hat mich auf der Straße jemand aufgefordert für Kernwaffen Geld zu spenden. Offenbar deshalb weil die Regierungen für Waffen stets genug Geld zur Verfügung haben. Aber unzählige Male haben mich Menschen mit Sammelbüchsen um eine Spende für Arme, Kranke, Alte und Kinder gebeten. Es mag der Phantasie jedes einzelnen überlassen bleiben, sich auf diese Ungereimtheiten einen Vers zu machen.“ Wir sind also noch lange nicht angekommen dort, wo sich „sattelfeste“ Politiker gern selbst sehen: am Ende der Weisheit.   

Frühling, Zeit der Abnehmkuren ...

Seit Jahrzehnten - genauer gesagt seit der Freßwelle in den 1950ern - geistern in jedem Frühjahr die skurrilsten Diätideen durch die Hochglanzpresse. Nur eine Diät vermißt man bis heute: die 5000-Kalorien-Diät. Die funktioniert so: man muß so viel essen, daß die Anstrengung dabei mehr Kalorien verbraucht als man zu sich nimmt. Schwierig, zugegeben - vor allem zynisch angesichts des Hungers in weiten Teilen der Weltbevölkerung.

Jetzt gibt es etwas Brandneues: Hackplus! Unglaublich, was sich die Nahrungsmittelindustrie da wieder hat einfallen lassen... Rinderhackfleisch plus pflanzliches Eiweiß, dadurch 30% weniger Fett und Cholesterin - jetzt aber nix wie ran an die Buletten! Daß man da für pflanzliches Eiweiß plötzlich den Preis von Rinderhack zahlt, merkt ja keiner...

Die Verbraucherorganisation foodwatch hats gemerkt: „Nie war so wenig Fleisch im Hack, nie war schnittfestes Wasser so teuer“, so foodwatch. „Texturiertes Weizenprotein“ mit „fleischähnlicher“ Konsistenz ersetzt das Fleisch und wird mit Rote-Beete-Saft und Paprikaextrakt fleischähnlich gefärbt. Gabs alles schon einmal: nämlich vor der Freßwelle, nach dem 2. Weltkrieg, aber damals war es nicht zum dreisten Beschiß gedacht.

Mehr zum Thema Lebensmittelbetrug findet man unter www.abgespeist.de. Und mir persönlich gefällt die Schlafdiät am besten: ausreichend Schlaf schützt nämlich vor Übergewicht. In diesem Sinne wünschen wir allen eine angenehme Nachtruhe...

Marieta Hiller, Januar 2013

Ethnische Säuberung oder political correctness?

Für den Begriff "ethnische Säuberung" entschuldige ich mich gleich, er ist unangemessen. Er bedeutete und bedeutet für unzählige Menschen Folter und Tod.

Doch "political correctness" bedeutet für mich nicht "Schere im Kopf". Und so empfinde ich es als unerträglich, wenn Menschen auf die Idee kommen, in Kinderbüchern historisch entstandene Begriffe wie "Negerlein" durch neue zu ersetzen. Otfried Preussler (geboren am 20. Oktober 1923 in Reichenberg, Nordböhmen, "Der kleine Wassermann", "Der Räuber Hotzenplotz", "Krabat", "Das kleine Gespenst" und "Die kleine Hexe") ist einer der wichtigsten Kinderbuchautoren der Zeit .....

Wie können wir sozusagen posthum von ihm verlangen, sein Wort "Negerlein" zu ersetzen, und wodurch? Wer darf das entscheiden? Das sagt viel über unser Literaturverständnis aus: ist Literatur für uns nur schmückendes Beiwerk, das nicht nur aus einem Modegeschmack heraus entsteht sondern auch jederzeit dem aktuellen Meinungsbild angepaßt werden darf?

Kürzen wir als nächstes auch Thomas Manns seitenfüllende Sätze auf ein lapidares "mir is' schlecht." oder Schillers Glocke auf ein SMS-taugliches "Bald schlägts 13!" Und Frauenrechtlerinnen könnten fordern, daß das debile Grinsen der Mona Lisa endlich mit einem intelligenten Lächeln übermalt wird.

Weitere böse Beispiele aus einer bösen Zeit möchte ich mir hier ersparen. Apropos böse Zeit: der Begriff "Negerlein" entstammt leider nicht einem Kinderbuch, sondern war bei uns Sprachgebrauch, geboren aus einer Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit über andere Volksgruppen, und Herrenmenschen waren wir nicht nur zwischen 1933 und 1945. Wir führen uns aktuell seit der Entdeckung Amerikas als diese auf und wir tun es auch noch heute: Rohstoff-Raubbau in Entwicklungsländern, Rinderfutter für Hamburger statt Regenwald, Seltene Erden statt seltener Naturparadiese, Bananen aus Chile und Erdbeeren aus Südafrika, BIO-Gemüse aus Spanien - die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Literatur dagegen ist etwas Amüsantes, Weiches, Anpassungsfähiges, das wir uns zum Ausgleich für diese harten Wahrheiten gönnen.

Für mich hat Literatur jedoch zwei wichtige Eigenschaften, die dabei verkannt werden:

Erstens stellt sie einen Spiegel historischer Momente dar und lehrt uns so, wie unsere Vorfahren (auch die von vor 70 Jahren) gedacht und empfunden haben, warum bestimmte Aspekte des Lebens anders und vor allem wie bewertet wurden. Sie gibt uns einen kurzweiligeren Überblick über unsere eigene geschichtliche Entwicklung als das jeder Schulunterricht tut. Sie fordert aber auch etwas dafür: wir müssen darüber nachdenken, und dann müssen wir darüber reden.

Denn das ist die zweite wichtige Eigenschaft: durch das Reden über Gelesenes sortieren wir es richtig ein, wir finden unsere historische und unsere aktuelle Identität. Wir erkennen Entwicklungen in sozialen Fragen, reflektieren das Vergangene und lernen so (vielleicht) für das Kommende.

Rezeptionsästhetik nennt sich die betreffende Wissenschaft, und damit kommen wir auch gleich zur Quantenphysik: denn neuerdings beeinflußt der Betrachter das Objekt. Für uns ist es unerträglich über "Negerlein" zu lesen, und schon müssen sie zensiert werden. Alles zum Schutz unserer Kinder, die mit solchen Begriffen nicht umgehen können. Schützen wir unsere Kinder auch davor, wilde Monster niederzuballern? Sind nicht vielleicht die wilden Monster von heute schützenswerte Ethnien zukünftiger Zeiten?

Mal ehrlich: wir wollen nicht unsere Kinder vor bösen Wörtern schützen. Wir wollen uns davor schützen, mit ihnen über Gelesenes zu reden, denn das ist unbequem. Aber es hat auch niemand gesagt, daß kulturelle Identität bequem sein soll.

Marieta Hiller, Januar 2013

 

Ist artgerechte Tierernährung zu teuer - oder gar zynisch?

Was für uns Menschen recht ist, sollte unseren Haustieren billig sein: artgerechte Ernährung mit sauberen Zutaten. Die großen Hersteller, die wissen was Katzen kaufen würden und wie Hunde zu Prachtkerlen werden, deklarieren ihr Futter zwar gesetzkonform. Aber was ist wirklich drin? Schaut man genauer hin, dann enthält die Dose „mit Rind“ nur vier Prozent Rind. Woraus besteht der Rest? Und woraus bestehen die 4 % Rind? Laut Gesetz dürfen unter der Deklaration „tierische Nebenprodukte“ Häute, Hufe und Hörner, Schweineborsten und Federn, tierische Abfälle aus der Lebensmittelindustrie wie überlagertes oder minderwertiges Fleisch, stark streßbelastetes Fleisch, Blut, entfettete Knochen und Grieben ins Hundefutter. Was wir für uns als „Ekelfleisch“ bezeichnen und empört vom Teller weisen (es sei denn wir sind Schnäppchenjäger und haben wieder ein Super-Sonderangebot ergattert), servieren wir unseren Tieren Tag für Tag. „Aber es schmeckt ihm doch!“ wird jetzt mancher einwenden. Doch dafür hat die Heimtierfutterindustrie ihre Mittelchen: der ganze Brei wird mit Duftstoffen aufgehübscht.

Es ist also durchaus sinnvoll, auch beim Tierfutter auf das „Kleingedruckte“ zu achten, nicht zuletzt um wirklich Geld zu sparen. Denn für 850g Schlachtabfälle muß man keine 2,39 Euro bezahlen. Es gibt Hersteller, die ihr Tierfutter komplett durchdeklarieren. Daß ein solches Futter etwas teuerer ist als die Billigdosen, versteht sich.

Bei Biofutter wie man es etwa beim Ernsthofener Catdog-Internetversand bekommt, ist alles ausführlich deklariert. „Bio für Hund und Katz?“ Das klingt zunächst zynisch angesichts des Hungers auf der Welt. Unsere Haustiere verdrücken jedoch ein Vielfaches unserer eigenen Fleischportionen, und daß in konventionell geführten Hühner- oder Schweine-Großmastbetrieben oftmals mit starkem Medika-mentencocktail anstelle artgerechter Haltung produziert wird, ist bekannt. Mit jeder Fleischmahlzeit fördert man nicht nur weitere Tierquälerei, man nimmt auch all die Medikamente zu sich, die im Fleisch enthalten sind. Es ist daher kein Snobismus, auf gut produzierte Lebensmittel zu bestehen, auch wenn diese naturgemäß teurer sind. Wir Menschen können uns schließlich ganz oder teilweise vegetarisch ernähren, können das hochwertigere Fleisch als etwas Besonderes achten, das wir nicht an jedem Wochentag auf dem Tisch haben müssen. Unsere Haustiere können das nicht, sie müssen essen, was in den Napf kommt. Will man also nicht selbst Tierfutter aus frischen Zutaten zubereiten, ist das Anifit-Dosenfutter oder das Biofutter von Catdog sicher die bessere Alternative als konventionelles Tierfutter.

„Katzen würden Mäuse kaufen“: in diesem Schwarzbuch Tierfutter räumt Ernährungskritiker Hans-Ulrich Grimm (ISBN ISBN 3-453-60097-5, 7,95 Euro) mit Gesetzeslücken und Deklarationsmängeln auf, informiert über die tatsächlichen In-haltsstoffe von Tierfutter und setzt unser „Geiz-ist-geil“-Verhalten beim Lebensmitteleinkauf ins Verhältnis zu dem Drumherum, das wir um unsere Haustiere betreiben: Tierpsychologe, Tierhotel, Hunderestaurant, schicke Mäntelchen - nichts ist uns zu teuer, außer das Futter.

Ich kann mir richtig vorstellen, was den (Problem-)Wölfen im Wald wohl durch den Kopf gehen würde, wenn es sie noch gäbe, angesichts dieser Tierhaltung.

M. Hiller Januar 2013

Ein perfekter Tag, perfekt beendet vor dem Fernseher ...

Heute ist ein schöner Tag: mein Haar ist gerade nicht überpflegt, mein gestriges Feierabendbier wurde nicht zu Bitburger, und gleich gehe ich in die Apotheke, meine Gartenpackung Voltaren holen, damit ich nächstes Jahr auch so einen gepflegten Garten habe wie die ältere Dame die nun keine Rückenschmerzen mehr hat. Hoffentlich kann mir mein Apotheker auch sagen, wie ich die Salbe auftragen muß: auf Blätter, Stiele oder Wurzeln oder vielleicht auch auf den Spaten.

Auch andere sind fröhlich heute: die Megaperls in Zahnpasta und Waschpulver springen lustig für die nächsten Jahrtausende durch unsere Bäche, Flüsse und ins Meer, wo ich sie dann mal am Strand besuchen kann. Und Kinder essen neuerdings am liebsten Entrecote und wandern gern! Wie könnte dieser Tag noch schöner werden? In diesem Sinne wünscht Ihnen eine gute Nacht

Ihre Marieta Hiller, Dezember 2012

Von der Schwierigkeit, beim lokalen Händler statt im Internet zu kaufen..

Um die lokale Wirtschaft zu stützen, tut man ja manchmal auch etwas Unübliches: man sucht nach einem Produkt im Internet, informiert sich darüber, und bestellt es dann beim Händler vor Ort. So geschehen im Oktober 2012. Auf der eigenen Internetseite des Herstellers war das Produkt während der folgenden Wochen als sofort lieferbar gekennzeichnet. Der Händler allerdings bekam die bestellte Lieferung geschlagene vier Wochen später! Während Einzelhändler von ihrem Großhandel oft Artikel nur im 6er oder gar 12er Pack bekommen oder halt mit ewig langen Lieferzeiten, sind die gleichen Artikel im Internet sofort verfügbar. Was der Kunde dabei meist übersieht: erstens ist der günstige Internetpreis nur scheinbar günstig. Denn mein Produkt beispielsweise kostete beim lokalen Händler 616 Euro, während es im Internet mit 649 Euro angeboten wurde. Zweitens kommt dann im Internet noch Verpackung und Versand dazu. Und drittens sorgt der Händler vor Ort dafür, daß fast alle Artikel des täglichen Bedarfs mit kurzen Wegen verfügbar bleiben, daß die Vereine unterstützt werden, daß Gewinne für Weihnachtstombolas zur Verfügung gestellt werden und regionale Veranstaltungen tatkräftige Hilfe erhalten.
Nun aber hier noch ein kurioses Lebenszeichen aus dem Internet, das mich wohl vom Gegenteil des eben Geschriebenen überzeugen sollte: „Lieber Kunde, Es ist unserem Boten leider misslungen einen Postsendung an Ihre Adresse zuzustellen. Grund: Ein Fehler in der Leiferanschrift. Sie konnen Ihre Postsendung in unserer Postabteilung personlich kriegen. Anbei finden Sie einen Postetikett. Sie sollen dieses Postetikett drucken lassen, um Ihre Postsendung in der Postabteilung empfangen zu konnen. Vielen Dank! Deutsche Post AG.“ Da wäre die Deutsche Post also in der Lage, mir eine Sendung übers Internet besser zustellen zu können als durch den Briefträger! Natürlich habe ich den Anhang nicht geöffnet und die Mail gleich an die echte Deutsche Post AG weitergeleitet. Dort nimmt man sich des dreisten Phishingversu-ches jetzt an. Aber herzlich gelacht haben wir doch alle drüber - unglaublich, wie doof diese Versuche allmählich werden...  
Marieta Hiller, November 2012

Facebook - nein danke! Ich bin gern altmodisch...

Neulich habe ich meine erste selbstgebastelte SMS verschickt, in vollständigen Sätzen, mit korrekter Grammatik und Zeichenset-zung. Uff - war das anstrengend! Jetzt kann ich verstehen, warum ich manchmal Mails (die altmodischen E-mails meine ich!) oder gar handgeschriebene Zettel bekomme, in denen sich der Sinn aus verstümmelten falsch geschriebenen Wortfetzen selten gleich erschließt. Dafür aber am Schluß: „ganzliebschau ;-)“... Hallo?!
Wir leben in einem virtuellen Netz aus „sozialen“ Kontakten per SMS, per Blog und Chat, und vor allem in den „sozialen“ Medien im Internet. Aber haben wir auch noch echte soziale Kontakte? Also welche, bei denen man sich Aug in Auge „ganz lieb anschauen“ könnte? Von Mund zu Ohr getrennt nur durch den Äther sprechen könnte? Statt dessen hocken wir, wenn wir mal zu mehreren in einem Raum oder an der Bushaltestelle sein müssen, nebeneinander und daddeln auf unseren Handies rum.
Soziale Kontakte? Dafür gab es Vereine, Kneipen, gemeinsame Aktivitäten in der realen Welt: vom Stammtisch bis zum Wander-ausflug. Dafür gab es Nachbarn, die ein Fahrrad reparieren konnten und mal mit dem Hund rausgingen, wenn keine Zeit war. Die sprichwörtliche Tasse Zucker, an der Wohnungstür ausgeliehen, mußte nie zurückgegeben werden, denn sie kam von Herzen und hatte etwas Symbolisches. Heute wäre uns das peinlich, wenn wir uns eine Tasse Zucker von jemandem leihen müßten.
Gemeinsame Aktivitäten? Igitt wie altmodisch! Dafür gibt es doch die Öffentliche Hand, die macht das doch alles für uns. Selbst etwas tun, Verantwortung übernehmen, Leistung investieren in soziale Kontakte? Nein, danke - ich doch nicht...
Tja, wer denn aber dann?
Vielleicht schaue ich mal in Facebook nach, wer in der wirklichen Welt Zeit und Lust hat, etwas zu unternehmen. Doch nein, geht nicht. Da muß ich ja erst Schuhgröße, Lieblingsessen, Augenfarbe und sexuelle Vorlieben preisgeben, meine geheimsten Träume mit 738 „Freunden“ teilen. Das ist mir zu blöd.
Übrigens: damit Sie und Ihre Facebook-“Freunde“ in der wirklichen Welt nicht erkannt werden, gibt es im Internet Anleitungen, wie man sein eigenes Gesicht so kaschieren kann, daß es von Gesichtserkennungs-Software nicht „entschlüsselt“ und zugeordnet werden kann: schauen Sie mal nach unter
www.cvdazzle.com. Man sieht sich... 

Ihre Marieta Hiller, Oktober 2012

Neue Trendsportarten für Männer: Streetkehring und Unkrautrupfing

Foto: M. Hiller
Erkennen Sie das Unkraut? Glückwunsch! Dann gehören Sie zu den 50 % der Menschheit die es auch auszupfen dürfen...

27 Grad im Schatten, Luft und Erde noch regenschwer - beste Bedingungen zum Unkrautrupfen! Also hocke ich auf der Straße und fitzele heraus was nicht Verbundpflaster Gartenmauer oder Randstein heißt. Zwei zornige Gedanken kreisen dabei immerzu in meinem Kopf; der erste: morgen kommt die Giftspritze dran! Der zweite warum macht ER eigentlich nicht das Unkraut raus? Man SIEHT?es doch! Der erste Gedanke, so zäh er sich auch hält, wird aus ideologischen Gründen zurückgewiesen. Der zweite aber (beim Unkrautzupfen hat man ja viel Zeit) treibt Blüten.
Als Spielplatz für Männer müßte man die Gartenmauer, die Straße, den Gehweg und den Garten überhaupt anpreisen. Männer spielen ja gern, das ist bekannt.
Der Laubsauger war da schon ein guter Ansatz: laut, sinnlos und unökologisch. Weniger erfolgreich war das Dampfbügeleisen: zu schwache Dampfentwicklung, zu wenig Lokomotion, und was das Übelste überhaupt ist: es tutet nicht!
Wie aber wäre es, wenn man einen Zweitakt-Straßenbesen erfinden würde? Samstags würde unter ohrenbetäubendem Geknatter solange gekehrt, bis die Verbundsteine runtergeschrubbt wären!
Auch eine Waschmaschine-Wäschetrockner-Kombination mit Sternmotor und Rootsgebläse wäre denkbar. Was stören mich schon ein paar aprilfrische Motorölflecken auf der frischen Wäsche, wenn ich sie nicht selbst waschen, trocknen und wegräumen müßte! Vor allem das Wegräumen wäre mit Rootsgebläse erledigt wie der Wind...
Und kleine selbstprogrammierbare Roboterchen, die Unkraut zupfen können, ohne die strukturelle Integrität von Gartenmauer und Straßenbelag zu beeinträchtigen...   Und und und...  Puff macht es da, und ich sitze immer noch auf der Straße und zupfele mir die Finger wund. Morgen kommt die Giftspritze dran!                

Ihre Marieta Hiller, September 2012

Wenn der Hund gerne Fernseh guckt, liegt es an HD TV!

Zeichnung: Marieta Hiller

Wundern Sie sich auch, daß Ihr Hund aufmerksam auf die Mattscheibe schaut, breite Schmiernasen über den Bildschirm zieht und sogar dahinter nachguckt, wo denn die Pferde / Hunde / Katzen jetzt plötzlich abgeblieben sind? Dann könnte es damit zusammenhängen, daß Sie sich kürzlich ein neues TV-Gerät angeschafft haben. Mit HDTV können nämlich auch Hunde Fernsehen: bei über 75 Hz zeigt der Bildschirm auch für Hunde ein sinnvolles Bild. Die alten Schirme mit 60 Hz dagegen müssen wohl nur hundeunverständliches Gewimmel darstellen...
Wer behauptet denn da, daß moderne Technik immer nur für die Katz ist!

(mh Durchblick Oktoberheft 2012)

 

Whats on a dogs mind... Analog zu einer Karikatur über einen gewissen Sigmund Freud