Mit viel Lärm wurde es bei der Rothenberger Feuerwehr auf der Höhe feurig - von Thomas Wilken, Neckartal-Nachrichten

„Es gab einen Riesenandrang, den wir mit Mann und Maus bewältigt haben“, ist Jan Johe von der Rothenberger Feuerwehr auch am Tag darauf noch baff über die tolle Resonanz auf die Lärmfeuer-Beteiligung der Brandschützer. Schon am frühen Abend saß die Fahrzeughalle voll, später gesellten sich noch mehr Gäste auf der Hirschhorner Höhe zu den Schaulustigen, die diese historische Form der Kommunikation von der Bergstraße bin in den tiefen Odenwald miterleben wollten.
Die Entzündung klappte bestens. Bogenschütze Michael Dorsch aus Großheubach ließ mit Feuerpfeilen das Lärmfeuer auflodern. Der 55-Jährige brachte vor einer großen Menschenmenge auf der Wiese gegenüber des Feuerwehrhauses den großen Haufen aus aufgeschichteten, dürren Weihnachtsbäumen gleich mit dem ersten Pfeil in Brand. Um die 150 von ihnen wurden von der Jugendfeuerwehr Anfang Januar eingesammelt. Viele Ahs und Ohs begleiteten das Spektakel.
Der Begriff „Lärmfeuer“ war durchaus wörtlich zu nehmen: Laut prasselnd, Funken sprühend und mit dichtem Qualm verkündeten die Bäume von der Rothenberger Höhe aus den Beginn des feurigen Spektakels. Die Feuerwehr beteiligte sich zum neunten Mal an der Odenwald-weiten Aktion, deren Ursprungsgedanke bei den Römern zu finden sein könnte.
Zu der Großveranstaltung ist so gut wie die gesamte Rothenberger Ortsteil-Feuerwehr auf den Beinen. Schon Ende des vergangenen Jahres gingen die Vorbereitungen los, nach Fastnacht folgten die Detailplanungen. Beim Aufbau am Morgen und während der Veranstaltung am Abend halfen etwa 20 Kinder und Jugendliche der Jugendwehr. Hierbei unterstützte die Einsatzabteilung mit etwa 25 Frauen und Männern. Die rücken bereits morgens an und erledigen den Aufbau. Geplant wird alles vom Jugendausschuss.
„Uns ist es wichtig, dass es kein normales Grillfest ist“, betonte Johe. Sondern dem Event soll ein besonderer Charakter zukommen. Deshalb gibt es auch „zünftige Speisen“ wie Salzfleisch mit Erdrüben, Kartoffeln aus dem holzbefeuerten Kessel mit Quark, Steak oder Bratwurst vom Schwenkgrill.
Bei herrlichen Wetter wurden die Floriansjünger von den Besuchern förmlich überrannt. Mehrere hundert Gäste waren es am Abend, die sich das Schauspiel auf dem 470 Meter hohen Hügelrücken zwischen Beerfelden und Hirschhorn nicht entgehen lassen und gleichzeitig die Gastfreundschaft genießen wollten. „Zum Glück war es recht mild, deshalb saßen viele auch vor der Fahrzeughalle“, freute sich Johe. Denn die Massen hätte man drinnen nicht alle untergebracht.
Für die Kinder war es ein großes, beeindruckendes Spektakel. Das archaische Element Feuer hat seine ganz eigene Magie. Die Kleinen schauten nicht nur fasziniert zu, wie sich die warmen, hellen, prasselnden Flammen immer weiter in die Christbäume hineinfraßen. Für sie gab es daneben auch mit einbrechender Dunkelheit eine Fackelwanderung über die Felder und Wälder auf der Höhe. Dutzende Kinder waren mit ihren Eltern dieses Mal unterwegs.
Michael Dorsch ist seit 2010 beim KKSV Trennfurt aktiv. Er schoss mit einem selbst gebauten Esche-Flachbogen, den er in einem Bogenbaukurs herstellte. „Das ist hier etwas Besonderes“, meinte der 55-Jährige mit Blick auf das herrliche Ambiente mit den vom Sonnenuntergang noch zart beleuchteten Odenwald-Hügeln. Die hell lodernden Bäume schufen ein fast schon magisches Bild an diesem Flecken, wo es außer wenigen Gebäuden nichts gibt, nur freie Natur. „Die Pfeile müsse in punkto Zugkraft immer zum Bogen passen“, erläuterte Dorsch. Seine jetzigen waren für einen 50- bis 55-Pfund-Bogen ausgelegt.
Als das Feuer langsam am Niederbrennen war, schlug die große Stunde des Feuerkünstlers Jeremy. Der Gammelsbacher Ralf Breitinger ist mit seiner Show bereits regelmäßiger Gast beim Lärmfeuer. Ein großer Kreis bildete sich schnell um seine Darbietung, wenn er mit brennenden Reifen, Stühlen, Fackeln oder Diabolos jonglierte. Krönender Abschluss dabei natürlich die meterhohe gespuckte Flamme.
Das Lärmfeuer hat ein lange Tradition: In früheren Zeiten war es ein nützliches Instrument, um schnell über große Entfernungen vor Gefahr etwa im Falle eines Angriffs warnen zu können. Die deutschen Wörter Lärm und Alarm kommen vom französischen „all‘armes“, was „zu den Waffen“ bedeutet.
Im Odenwald könnten Lärmfeuer schon von den Römern gezündet worden sein: Zur Warnung vor dem Feind, der aus dem Westen drohte, haben sie während der Zeit der germanischen Provinz (1.-4. Jahrhundert n. Chr.) aller Wahrscheinlichkeit nach eine bemannte Signalkette vom Rhein bis zum Limes unterhalten. Friedrich Höreth, einer der bekanntesten Odenwälder Heimatforscher und sozusagen „Altvater“ der Lärmfeuer, hat viel unersetzliches Wissen über deren Einsatz erhalten.
Der Limes verläuft im östlichen Odenwald, er zieht sich von der Wetterau über den Main bei Obernburg und über den Höhenzug von Lützelbach im Norden bis Schloßau im Süden und weiter Richtung Bad Wimpfen. Er war jedoch nur von ca. 110 bis 160 n.Chr. besetzt und wurde dann weiter nach Osten verlegt.
Die einzelnen Veranstaltungsorte der Lärmfeuers, dieses Jahr 27 an der Zahl, erstrecken sich über ein Gebiet von etwa 8000 Quadratkilometern vom Rhein bis ins Herz des Odenwaldes und bilden dadurch die „weltgrößte Open-Air-Veranstaltung“. Von Schloss Auerbach bei Bensheim im Westen bis Bad König, vom Greiner Ecke im Süden bis Hippelsbach ziehen sich die Feuer.
Mit dem Lärmfeuer-Projekt wird der Versuch unternommen, eine historische Kommunikationsmethode vor dem Vergessen zu bewahren. Mehr Infos unter www.felsenmeerdrachen.de/odenwaldweite-laermfeuer/
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