Der schwarze Mann...

Kostbare Erze und finstere Köhler im Wald - Wo Erze sind, da gibt’s auch Köhlerei

Von Drachen, Zwergen und unermeßlichen Schätzen künden uns die Märchen - und doch haben auch die sagenhaftesten Erzählungen einen wahren Kern. Tatsächlich ruhen tief in der Erde verborgen Schätze: Gold, Silber, Edelsteine, Metalle und „Seltene Erden“. Die Menschen heutiger Tage benötigen sie samt und sonders für ihr Wohlbefinden, für Dinge des Alltags ebenso wie für hochtechnische Abläufe, die nun wirklich nicht ins Märchenland gehören. Nichts auf unserer Welt würde ohne Bodenschätze gelingen, und wir fragen uns, wie wohl die Menschen jener längst vergangenen Epoche, der Steinzeit, gelebt haben mögen, ohne die Nutzung von Metall zu beherrschen. Ihnen aber folgten die Kelten und die Germanen - in ihrem Namen selbst klingt die Metallnutzung an, denn Ger bedeutet Speer und German bedeutet Speermann. Stollen trieben sie in die Berge und gruben tiefe Schächte bis hinunter zu den Schätzen im Schoß der Erde. Das Wissen, das sie einst erwarben, bleibt bis heute für Bergleute gültig. Uralte Weisheiten: so wie die Ratten das sinkende Schiff verlassen, so huschen alle Mäuse aus dem Bergwerk, wenn die Luft schlecht wird. Bergleute wissen dann, daß es auch für sie höchste Zeit wird, aus dem Berg zu kommen.

Hohe Temperaturen sind vonnöten, sollen die Schätze aus den Tiefen der Erde gewonnen werden. Einst unter hohem Druck und bei großer Hitze in Stein gebannt, kommen Gold, Silber, Eisen und andere Metalle aus dem Erz nur heraus, wenn ebensolche urgewaltigen Kräfte auf sie wirken. Metalle werden aus Erzen bereits seit der Eisenzeit gewonnen, daher hat diese Zeit ja ihren Namen. Über 2800 Jahre ist es nun schon her, daß Menschen begannen, sich Metalle dienstbar zu machen. Das Feuer - Urbegleiter des Menschen seit der Steinzeit ein paar tausend Jährchen zuvor - hatten sie gründlich studiert und konnten es nun für besondere Zwecke gebändigt werden. So gelang es jenen Menschen der Hallstadt- und LaTènezeit, über 300 Grad Hitze zu erzeugen. Dieses Feuer kann aus Holz Holzkohle werden lassen. Und Holzkohle kann aus Erz reines Metall zaubern. Denn mit Holzkohle werden jene höllischen Temperaturen erzeugt, nämlich 1100 bis 1350 Grad, mit denen das begehrte Metall aus dem Erz herausgetrennt werden kann. Wie das mit einfachsten Mitteln funktioniert, zeigt der historische Rennofen von Werner Götzinger.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Der Köhler - einsame Märchengestalt in den tiefen Wäldern

Und so kommt es, daß überall da, wo man Erze aus dem Bergwerk holte, auch das Köhlerhandwerk vertreten war.

Dennoch war der Köhler ein einsamer Mann. Allein lebte er im Wald, wachte über seinen Meiler, mit schwarzverschmiertem Gesicht, Tag und Nacht ohne andere Gesellschaft als die der Bäume und Tiere des Waldes. Ein Sonderling eben, und so erscheint er uns auch im Märchen.

Drei Köhler sind es, die dem - in Grimmschen Märchen immer wiederkehrenden - dritten von drei Brüdern einen Ranzen, ein Hütlein und ein Hörnlein vermachen. Doch der Bruder kann nicht genug bekommen, und so erweisen sich Ranzen, Hütlein und Hörnlein als mächtige Kriegswaffen, die alles ringsum vernichten. Und tatsächlich war es ja so, daß die Arbeit des Rußwurms, wie der Köhler auch hieß, erst das Kriegführen mit Waffen ermöglichte.

Um einen Köhler, der wirklich gelebt hat, rankt sich Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“. Peter Munk, genannt Kohlenmunk-Peter, war ein Köhler im Schwarzwald, jedoch neidete er seinen Mitmenschen deren stolze Berufe. Dazu muß gesagt sein, daß in früheren Zeiten man nicht einfach seinen Beruf frei wählen konnte. Vielmehr wurde man in einen Beruf hineingeboren. Kinder von Bergleuten mußten ebenso in den Berg wie ihre Väter, und aus einem Köhlerkind wurde ein Köhler. Nach einem Handel mit dem Teufel in Gestalt des Holländer-Michel wurde der Kohlenmunk-Peter zwar reich, aber als Herz erhielt er dafür einen Stein. Zu guter Letzt jedoch - und dem Himmel sei Dank daß es im Märchen immer so zugeht - gewinnt der Peter sein echtes Herz zurück und lebt fortan glücklich und zufrieden mit dem, was er hat.

Weil die Köhler so arm waren, daß sie alle Tage nur Kartoffeln mit Salz, aber ohne Schmalz essen konnten, taten sie sich oft auch mit Räubern zusammen. Sie kannten sich aus in den Wäldern, konnten den Räubern Weg und Steg sichern und Nachrichten übermitteln. Zum Dank dafür erhielten sie dann Speck und eine Flasche Wein.

Verdächtig war der Köhler also, ein schwarzer Sonderling, anfällig für die Mächte des Bösen und in Gemeinschaft mit Räubern - eine perfekte Märchengestalt.

Dennoch sorgten die Köhler in der wirklichen Welt, mit ihren Kohlplatten, auf denen die Meiler standen, für die Rodung der Wälder und schufen so an vielen Orten erst den Platz für Siedlungen. Kohlbach, Kohlberg, Kohlhof, Bad Kohlgrub, Kohlstetten sind Orte, die ihren Namen von alten Köhlerplatten haben, und die ganze Region Kellerwald am Edersee ebenso, denn aus Köhlerwald wurde Kellerwald.

Die Köhler – Ballade

Ach, wer hätte das gedacht,
dass man aus Holz noch Kohle macht.
Schon dreitausend Jahr
und noch länger
gibt es diese braven Männer,
die aus Eichen und aus Buchen
viele solche Meiler schufen.

Die schwarze Kohl als Labung
bei Bauchweh und bei Darmversagung
auch zum Glockenguss und Pulver machen benötigt
man die schwarzen Sachen,
so ist es schad um diese Zunft
denn Köhlern - dies ist eine Kunst.

                    aus Bad Kohlgrub

Köhlerhandwerk wie in früheren Zeiten -lebendig erhalten von den Fürther Naturagendten

An vielen Orten, mitten im Wald oder auch in Freilichtmuseen, werden heute wieder Kohlenmeiler aufgebaut und betrieben. So bewahren unzählige Helfer ein jahrtausendealtes Handwerk davor, auszusterben und in Vergessenheit zu geraten. So auch im Odenwald in der Nähe von Fürth. Hier gibt es um Revierförster Jens Uwe Eder eine Gruppe „Naturagendten“, die sich allem widmet, was mit dem Wald zu tun hat. Seit einigen Jahren betreiben sie auch einen Kohlenmeiler. 30 Festmeter Holz schichteten die etwa zwei Dutzend großen und kleinen Agendten im April 2010 auf der historischen Köhlerplatte an der Wegscheide im Odenwald auf. Unter Leitung des Revierförsters und des Köhlereispezialisten der Naturagendten sägten und spalteten sie Holz, was das Zeug hielt. Sorgfältig wurden die Scheite rings um einen meterhohen Kaminschacht aufgesetzt. Danach mußte der Holzhügel gründlich abgedichtet werden - mit Grassoden, Moos und Erde. Wenn der Meiler am Ende nicht richtig dicht ist, klappt es nämlich mit der Verkohlung nicht, ungeregelte Luft darf auf keinen Fall an das brennende Holz gelangen. Dann folgte die feierliche Entzündung des Meilers, und es begann die Zeit der Wache: sorgfältig muß so ein brennender Meiler beaufsichtigt werden, die Luftzufuhr muß aufs Genauseste geregelt werden. Aus der festverschlossenen Außenhaut des Meilers darf kein Rauch kommen, das Feuer darf weder verlöschen noch dürfen die Flammen oben herausschlagen. Es ist ein Handwerk, das einer langen Lehrzeit bedarf, und es verlangt heutigen Menschen mindestens ebensoviel an Energie und Überwindung ab wie einstigen Köhlern, die ihr einsames Leben als schwarze Kerle fristeten.

Und nun entsteht - in ungefähr zwei Wochen - die Holzkohle. Ausgehend vom feurigen Schacht glüht das Holz von innen nach außen langsam durch. Der Schwelbrand entzieht ihm das Wasser, Pechkohle rinnt heraus. Dabei verliert der Holzhügel ein Fünftel seiner Größe. Endlich ist der Tag der Kohlenernte da: die Erde wird abgeschält, und die Kohle kommt zum Vorschein. Sie muß nun abkühlen, und dann darf sich jeder Helfer seine eigene Holzkohle mitnehmen. Den Rest kann man auf Märkten und in Hofläden der Region erwerben, und wer einmal solche handwerklich gewonnene Holzkohle ausprobiert hat, der wird Steaks und Bratwurst nie wieder anders grillen wollen...

Das Ende der schwarzen Schätze aus dem Wald

Als man im 18. Jahrhundert immer mehr Steinkohle fördern konnte, verlor die Holzkohle ihren Wert. Zu aufwändig war ihre Herstellung, gar zu finster war es im Wald...

Die Odenwaldhügel waren über tausend Jahre lang von Kohlplatten geprägt. Die Köhler lieferten ihre Kohle weit in die Rheinebene hinein, wo sich in den Zentren größere Fabriken und Manufakturen entwickelten, mit einem unersättlichen Bedarf an Brennmaterial mit hohem Brennwert. Nicht nur die Eisenwerke brauchten Kohle, auch die Glasindustrie fraß Unmengen davon.

Seit in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die letzten Köhler im Odenwald aufgegeben hatten, sind die alten Kohlplatten in Vergessenheit geraten. Nur an manchen Stellen, auf der Neunkirchener Höhe und an der Wegscheide etwa, werden sie auch weiterhin vom wuchernden Bewuchs befreit, damit auch spätere Generationen noch sehen können, wie ein Arbeitsplatz in früheren Zeiten wohl ausgesehen haben mag. Märchenhaft war die Köhlerei wohl nur im Märchen, doch dafür sind sie ja da, unsere Märchen. Kleine Fluchten aus der kalten Wirklichkeit, dorthin, wo die Dinge einfach sind, wo das Wünschen noch geholfen hat, und wo auch die Köhler sicher noch heute glücklich und zufrieden leben, wenn sie nicht gestorben sind...

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