Lindenfels: wo die Drachen wohnen...

 

Die Burg auf dem Bergsporn: Lindenfels

Wie schön wäre es, wenn der Name Lindenfels von der Linde auf dem Fels herstammen würde! Doch die zeigt sich erst im Wappen der Stadt. Ob in jenen lang vergangenen Zeiten, in denen zuerst die Burg auf dem Bergsporn über dem Schlierbachtal erbaut wurde, dann (vermutungsweise) die Gegenburg auf demAlten Köpfchen und die Vorstadt, ob damals also eine Linde auf dem Bergsporn wuchs - das weiß niemand zu sagen.

Heute wachsen auf dem Alten Köpfchen Eichen, was von Burgenforschern als deutliches Zeichen dafür gewertet wird, daß es sich um ein künstlich aufgeschüttetes Plateau handelt. Denn Eichen brauchen tiefen Grund, während Buchen auch auf Fels wachsen. Scherbenfunde von Eduard Anthes, Archäologe und Streckenkommissar der Reichslimeskommission, aus dem Jahr 1910 wiesen ebenfalls auf Überreste einer zweiten Burg gegenüber der eigentlichen Burg Lindenfels hin. Bei einer zweiten Ausgrabung 1980 durch Hans H. Weber vom Breubergbund und Wilhelm Bauer (Museum Lindenfels) wurden weitere Stücke gefunden, die im Archiv des Museums lagern und auf eine Untersuchung warten. Damit könnte man die Burg auf dem Alten Köpfchen datieren.

Doch zurück zum Namen Lindenfels: Burgenforscher Thomas Steinmetz aus Brensbach vermutet, daß der Name von der Lindburg (Limburg) ob Teck herrührt, von einem Adeligen aus dem Bayerischen Frankenland namens von Lindenfels.

Wer wohnte auf Burg Lindenfels?

Wer der Erbauer der Burg auf dem Bergsporn ist, das zumindest weiß man genau: den Mönchen im Kloster Lorsch sei Dank für ihre akribische Buchhaltung. So steht im Lorscher Kodex geschrieben, daß Abt Winther (1077-1088) die Slirburg - so hieß die Burg damals noch, da sie über dem Schlierbachtal thront - an den Grafen Burkhard von Stauffenberg aus der Ortenau schenkte. Dieser Graf verstarb im Jahre 1092, sein Sohn Bertold von Hohenberg bei Karlsruhe und dessen Sohn Bertold von Lindenfels folgten nach. Dieses hohe Alter der Burg - sie ist im Umkreis von 150 km das älteste erhaltene Burggemäuer - wird zudem belegt durch die zwölfeckige Form der ursprünglichen Burg aus dem 12. Jahrhundert, zu Bertolds Zeiten also.

Und Steine reden doch!

Und auch die Steine sprechen eine beredte Sprache: so läßt sich aus verbautem Stein mittels Lumineszenzdatierung der Zeitpunkt ermitteln, zu dem dieses Gestein aus dem Steinbruch gebrochen wurde. Denn kristalliner Stein verändert sich, sobald er gebrochen wird. Zumindest annähernd können die Wissenschaftler in Heidelberg das Datum auf 1060 festlegen.

Bertold übrigens sei in Armut gestorben, so der Lorscher Kodex. Tatsächlich setzte er sich jedoch ab nach Denkendorf bei Eßlingen auf ein Kloster-Hofgut, von wo er nach Jerusalem pilgerte. Erst auf der Reise verstarb er anno 1142, ohne für einen Nachkommen gesorgt zu haben. In Denkendorf verzeichnen die Handschriften nämlich einen Dominus Bertold, welcher kein anderer als Bertold von Lindenfels ist. Ein rätselhafter weiterer Lindenfelser taucht 1142 in Henneberg im Thüringer Wald auf, Henneberger von Lindenfels, der vorher auf Burg Stahleck bei Bacharach lebte und nach Heidelberg übersiedelte.

Heidelberg wiederum entwickelte sich zu jener Zeit zur Pfalzgrafschaft, darauf verweisen die kurpfälzischen Rautenwappen. Und im Jahr 1208 wurde für Heinrich den Welfen eine Urkunde „in castro Lindenfels“ ausgestellt. Danach versinkt die Burg in den Tiefen der Geschichte, ohne weitere Spuren einer Erneuerung im 14. Jahrhundert. Die fast fensterlose Ringmauer war da nämlich schon außer Mode gekommen und man hätte die Burg sicherlich modernisiert, hätte sie noch jemand bewohnt.

Auch die tonnenförmigen romanischen Giebel wurden nicht durch spitze gotische Giebel ersetzt. Das Klima dieser Zeit hätte das jedoch erfordert: denn es war kälter geworden, höhere Schneelasten lagen auf den Gewölben, und ein Spitzgiebel leitet sie schneller ab als ein Tonnengewölbe. Einige romanische Zinnen jedoch wurden im Mittelalter zugemauert, wie man 2008 entdeckte.

Auch das Mauerwerk erzählt von seiner Nutzung: zur Salierzeit im 11. Jahrhundert wurde sauber behauenes Quadermauerwerk errichtet, im 12. Jh kamen die Buckelquader zum Einsatz. Dabei waren die sichtbaren Flächen buckelig und nicht glatt behauen. Buckelquader jedoch sind in Lindenfels nicht zu finden.

Nach militärischen Gesichtspunkten taugte die Burg später nicht mehr mit ihren dünnen Mauern mit nur zwei Metern Dicke. Eine ordentliche Verteidigungsburg brauchte schon ihre sechs Meter Mauerstärke.

Was Mauern erzählen...

Romantik und Tourismus

Das Aufkommen des Tourismus in der Zeit der Romantik schuf ein Bedürfnis nach idyllischen Orten, verfallenem Gemäuer, geschichtsträchtigen Ruinen. Und so richtete man im 19. Jahrhundert die Burg hübsch, aber nicht geschichtstreu her. Das Entnehmen von Steinen wurde 1830 untersagt, zuvor holte sich jeder, der ein Häuschen bauen wollte, sein Material in alten Ruinen. Woher die verschiedenfarbigen Steine der Burgmauern stammen, konnte noch nicht endgültig ermittelt werden, jedenfalls ist es Syenit und Buntsandstein.

Am 17.6.1978 entdeckte man das Fundament des runden Bergfrieds im Innenhof der Burg, dort wo die Linde wuchs. Dieser Turm wurde 1730 eingerissen. Heute liegt der Boden des Burghofes zwei Meter höher als damals, als Menschen auf der Burg lebten. Denn als die Steine wiederverwendet wurden, ließ man den Mörtel im Burghof liegen. Später, als die Burg touristisch hergerichtet wurde, stampfte man alles fest und füllte noch weiter auf, um eine ebene Hoffläche zu erhalten. Das war um 1880 herum. Heute würde so etwas niemand mehr tun, denn man weiß um die Schätze aus der Vergangenheit, von denen die Steine berichten können - wenn man ihnen nur zuhört.

Burgenforschung: noch immer keine wissenschaftliche Disziplin...

Wissenschaftliche Burgenforschung gibt es erst seit den 1960er Jahren, und noch immer gibt keinen Lehrstuhl dafür.

So bleiben die alten Mauern auf private Burgenforscher angewiesen, die ihre Zeit und Energie dem Bild widmen, das aus vielen kleinen Details entsteht und das uns schließlich zeigt, wie man vor vielen Jahrhunderten auf einer Burg gelebt haben mag.

Einer dieser Burgenforscher ist Thomas Steinmetz aus Brensbach und er hat ein Buch veröffentlicht: Burgen im Odenwald. Verlag Ellen Schmid, Brensbach 1998, ISBN 3-931529-02-9

Marieta Hiller, März 2013

Wanderungen rund um Lindenfels

In dieser Broschüre von Rainer Türk sind elf reizvolle Wanderungen rund um Lindenfels zusammengefaßt. Darunter ein geprüfter Qualitäts-Wanderweg, ein Heilklima-Wanderweg, der Kunstwanderweg und weitere anspruchsvolle oder gemütliche Touren. Ausführliche Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten, der Anforderungen und der Einkehrmöglichkeiten gehören ebenfalls dazu. Die Broschüre ist erhältlich beim Kur- und Touristikservice Lindenfels

In Lindenfels empfiehlt sich ein Besuch des Drachenmuseums im Bürgerturm.Während die Darstellungen im „Bürgerturm“ bereits seit dem  13.Juni 2009 besichtigt werden konnten, ist das eigentliche Drachenmuseum im benachbarten Haus „Baureneck“ am 19. März 2010 eröffnet worden. Es freut sich auf Ihren Besuch an Samstagen und Sonntagen sowie an gesetzlichen Feiertagen jeweils von 14:00  bis 18:00 Uhr. In der Stadt 2, 64678 Lindenfels

Außerhalb dieser Öffnungszeiten werden Gruppenführungen nach Anmeldung angeboten.

Clara Dett: für sieben lange Jahre auf der Burg festgesetzt

Eine starke Frau: Clara Dett wird von Gästeführerin dargestellt

Die Geliebte des Pfälzer Kurfürsten Friedrich der Siegreiche, Clara Dett, wurde in Lindenfels wieder lebendig. Gästeführerin Brigitte Dieffenbach aus Reichelsheim schlüpft bei Führungen in ihre Rolle. Für starke Frauen in der Geschichte des Odenwaldes hat sie schon immer ein Fable. Clara Dett (auch Dettin, Dott, Tott) stammt aus dem Milieu der einfachen Leute, der vormals unterprivillegierten Klasse. Gern schlüpft Brigitte Dieffenbach in die Rolle einer Waschfrau, einer Marketenderin oder eines am Pranger stehenden und der Verachtung preisgegebenen Frauen-zimmers. Immer ist sie auf der Seite der Unterdrückten, Mißachteten, vom Unglück und Gesetz Verfolgten. In diesen Rollen führt sie kostümiert die Gäste des Odenwaldes. Dieses Mal hat sie sich schauspielerisch dem Leben der Clara Dettin, einer Hofdame am bayerischen Hof, genähert. Brigitte Dieffenbach aus Reichelsheim ist seit 15 Jahren Gästeführerin und Mitbegrün-derin der Gästeführung Odenwald und mit deutschlandweitem Zertifikat für touristische Ausbildung ausgestattet. Als „Kieler Sprotte“ hat sie den Odenwald als ihre zweite Heimat entdeckt und sich in ihn verliebt. Kein Wunder, daß sie sich mit den Men-schen dieser Landschaft identifiziert. Durch ihre heimatkundlichen Studien ist sie auf jene Clara Dettin gestoßen. Ihr ungewöhnliches Frauenschicksal interessierte sie. Clara Dett war sieben Jahre lang auf der Burg in Lindenfels eingesperrt und konnte sich bestenfalls innerhalb der Stadtmauern bewegen.

Wer war Clara Dett?

Hier ist ein Blick in die mittelalterliche Geschichte notwendig. Clara Dettin war die morganatisch* getraute Ehefrau von Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz (1425-1476) in Heidelberg; die Protestanten nannten ihn den Siegriechen, die Katholiken den bösen Fritz. Er regierte die Pfalz ab 149/51 bis zu seinem Lebensende. Seine Regentschaft auf Lebenszeit war unter anderem mit dem Versprechen der Ehelosigkeit verbunden, davon wurde der Kurfürst dann aber entbunden, nachdem aus seiner morganatischen Ehe mit einem herzog-bayerischen Hoffräulein namens Clara Dett bereits zwei Söhne hervorgegangen waren. Die schöne und kluge Augsburgerin und Friedrich lernten sich 1459 kennen. Ihre Reize, ihr liebenswürdiges Wesen und ihre schöne Stimme blieben nicht ohne tiefen Eindruck auf den Kurfürsten.

Der jüngere der beiden Söhne, Ludwig, wurde von Kurfürst Philipp mit einer Grafschaft ausgestattet. Er ist der Begründer des fürstlichen Hauses Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, das heute noch existiert. Von seinem Vater erhielt Ludwig die Ämter Weinsberg, Meckmühl, Neustadt an der Kocher, Umstadt und Otzberg. Nach Friedrichs Tod 1476 übernahm sein Mündel?Philipp, der Sohn des Bruders, die Herrschaft in Kurpfalz.

Damit war aber noch längst nicht „alles in Butter“. Es war zwar Friedrichs Wunsch, daß der Überlebende seiner beiden Söhne Ludwig ein Stück aus dem pfälzischen Erbe bekam. Aber wie so oft in solchen Fällen kam es zu einer Erbschaftsfehde unter den Erbberechtigten. Damit der Sohn von Clara Dett von der Pfälzer Erbfolge ferngehalten wurde und vor allem auch, weil sich seine Mutter für ihn einsetzte und ihm Vorteile zu verschaffen suchte, setzte Philipp die Dettin auf der pfälzischen Burg Lindenfels fest, weit genug „weg vom Schuß“. Aufgrund der Unstimmigkeiten mit Philipp gab Ludwig seine Ämter zurück und erhielt dafür an-fänglich ein kleineres Besitztum, die Grafschaft Löwenstein als Erbe. Philipp, der in die Geschichte übrigens als „der Gutmütige“ einging, und Ludwigs Mutter Clara Dett kamen darüber nicht überein, weshalb er sie achteinhalb Jahre lang auf der Burg ge-fangen setzte. Später wurde er milder, gab Ludwig engültig die Grafschaft Löwenstein und ließ seine Mutter frei. Im Übrigen wird Clara Dett als gütig, freundlich, wohlwollend, züchtig, sittsam, keusch, demütig und zurückhaltend beschrieben. Diese überaus wohlwollende Beurteilung dürfte nicht vor der Übergabe der Erbschaft an ihren Sohn Ludwig erfolgt sein.

Ein spätmittelalterliches Gewand fürs holde Weib

Brigitte Dieffenbach hat die Kleidung von Clara Dett bis aufs Haar nachempfunden und alles selbst geschneidert. Das gelang ihr durch das Studium von Büchern mit Vorlagen spätmittelalterlicher Kleidung. Aufgrund dieser Zeichnungen hat sie die Schnitte entworfen. Begutachten ließ sie ihre Bekleidungskunst von Holger Funke (Poeta Magica), Fachexperte mit Studium der mittelhochdeutschen Philologie und Organisator der Reichels-heimer Märchen- & Sagentage und des dortigen Mittelalterlichen Marktes. Das Gewand der Clara Dott alias Brigitte Dieffenbach besteht aus einem Unterteil, einem sogenannten Surcout mit weit geschnittenen „Teufelsärmeln“. Die Darstellerin erklärt diese Bezeichnung so: das Kleidungsdetail  gewährt den Männern einen großzügigen Durchblick auf die dahinter befindlichen Körper-formen, die anatomische Rückschlüsse auf den restlichen Körper zulassen. Die Teufelsärmel waren mit Pelz besetzt und schon dadurch ein echter Hingucker. Auf dem Kopf trug Clara Dett ein Calippi, eine dem Aussehen einer Pillendose entsprechenden Kopfbedeckung mit Stirn-, Kinn- und Nackenband. Bereits vergebene Damen verdeckten ihre Haare unter dem Nackenband. Über dem Gewand trug Clara Dett einen geradegeschnittenen Mantel, zusammengehalten vom sogenannten Tassel. Künstlerisch begabte Damen fertigten solche Mäntel in feinster Hand-arbeit mit Perlen und farbigen Steinchen. „Das holde frohlockende Weib der gehobenen Schicht war immer anmutig und liebreizend – und verführerisch“, so Brigitte Dieffenbach verschmitzt. Die einheitliche Farbe von Gewand und Mantel wählte Brigitte Dieffenbach nach eigenem Gutdünken in einem Farbton zwischen Sandton und Orange.

Zum Einfühlvermögen von Brigitte Dieffenbach in die Rolle der Clara Dett verhalf ihr Professor Dr. Volker Rödel, Leitender Archivdirektor des Generallandes-archivs in Karlsruhe. Er hat sich in zwei Veröffentlichungen mit dem Leben der Dettin beschäftigt und darüber auch vor einiger Zeit einen Vortrag in Lindenfels gehalten. Bei der Biografie der Clara Dott half Robert Kretschmar, Karlsruhe. Im Frühjahr soll es losgehen mit den Führungen in Lindenfels. Treffpunkt ist am Löwenbrunnen in der Burgstra-ße, wo auch die seitherigen Stadtführungen beginnen. Nach dem Aufstieg zur Burg wird Brigitte Dieffenbach die Geschichte der Clara Dett dem Publikum nahe bringen. Mit Zupfen der Harfe und einem Willkommenstrunk aus dem Rotweinkrug wird sie ihre Gäste betören und von Freud und Leid der Geliebten, der Ehefrau Friedrichs und der Gefangenen auf Burg Lindenfels erzählen. Die Termine der etwa eineinhalbstündigen Führungen können beim Kur- und Tourismus-Service Lindenfels, Tel.: 06255/30644, erfragt werden

(Dr. Peter W. Sattler, Februar 2014)

*Morganatische Ehe, auch Ehe zur linken Hand genannt: im europäischen Adel seit jeher bekannte Form der Ehe eines Adligen mit einem Ehepartner von niederem Stand, meist war dies die Frau. Oft wurden Mätressen so legalisiert. Vom Wortstamm rührt auch der Begriff  Morgengabe her (Anm. M. Hiller)