Vom Lärmfeuer bis zur Internet-Telefonie

»Mer muß nur redde mit de Leit, dann kimmt mer aa ins Gspräch...«

Kommunikation vom Lärmfeuer bis zur SMS - Lassen Sie sich von Köhlers Bawweddsche, der Köhlerstochter und Räuberbraut, erzählen, wie man sich seit Menschengedenken wichtige Informationen zukommen ließ. Über weite Entfernungen, von Hügel zu Hügel, flogen einst Pfiffe, Jodler, Rauchzeichen hin und her. Heute durchforsten Radar und Funkantennen den Äther, erscheinen geheimnisvolle Zeichen in Mobiltelefonen und auf Computern.

Aus der Sicht einer Räuberbraut aber ist und bleibt das Feuer das Mittel der Wahl. Und das war es auch schon für die Römer vor fast 2000 Jahren. Eine frühe Form der Nachrichtenübermittlung war sicher auch das Glockenläuten: den Totenglocken von Reichenbach beispielsweise konnte man anhören ob jemand in Reichenbach oder in einem der umgebenden Dörfer gestorben war.

Kommunikation im allgemeinen ist Lateinisch und bedeutet Gemeinschaft. Speziell geht es dabei um die Übermittlung von Nachrichten, wobei sehr wichtig ist, daß Sender und Empfänger einen gemeinsamen Code benutzen.

Bawweddsche erzählt:

»Wie ich zu den Räubern kam: ich war einmal hier ganz in der Nähe in einem kleinen Dorf und lieh mir eine schöne große blütenweiße frischgewaschene und duftige Unterhose von der Wäscheleine aus. Ich wußte zwar nicht, wem sie gehörte, aber ich war sicher, daß diejenige mindestens eine ebenso tolle Figur hatte wie ich, und das bei meinem Alter! Dummerweise hatte ich vergessen zu fragen. Und noch dümmerweise hatte mich jemand beobachtet, und der stellte sich mir jetzt dümmsterweise auch noch in den Weg, als ich wieder in den Wald wollte.
Und dann sah er mich mit so einem hämischen "Ich-weiß-daß-du-weißt-daß-ich-weiß"-Blick  an. Ich hätte damals nur "keine-Ahnung-was-du-von-mir-willst" zurückfunkeln müssen. Aber so abgebrüht war ich damals noch nicht. So kam ich zu den Räubern.

Eigentlich gehörte ich ja zur Sippschaft der Köhler. Wir lebten bitterarm im Wald, hüteten unsere Kohlenmeiler und aßen Kartoffel mit Salz, aber ohne Schmalz.
Viele Jahrhunderte lebte meine Familie mehr schlecht als recht davon, aus Holz Kohle zu machen. Wir brannten auch Pech und im Winter verkauften wir als Hausierer Kienöl, Wagenschmiere und Gailsweschbelschmeer (Salbe gegen Bremsenstiche). Wer Schuhe hatte, der konnte sie dann mit unserem Schmeer wasserdicht machen. "Der Schuster hat großes Pech, wenn er kein Pech mehr hat" so sagte man in den Dörfern immer.
Und wenn unser Bauchladen dann leer war und der Beutel voll, dann gings zum Picheln, aber einen Schmeerbauch hat bei uns keiner gekriegt. All diese Wörter aber, das Picheln, das Pech, der Schmeerbauch, alle stammen sie von unserem alten Köhlerhandwerk ab. Wo meine Familie gearbeitet hat, weiß man heute noch: in den Landkarten gibt es überall Plätze die Kohlplatte oder Pechofen heißen. Einsam waren wir, denn für einen Kohlenmeiler brauchte man viel Holz. In jedem Wald konnte es nur einen von uns geben. Wenn wir aber zum Familientreffen wollten oder wenn sonst etwas war, dann erklang unsere Hillebille weit über die Hügel. Wenns mal nicht so weit sein mußte, reichte auch ein Pfiff oder ein Ruf.

So wußten wir auch immer, wenn Räuber im Anmarsch waren. Käuzchen, Elster und Rehbock mußten ihre Lockrufe dafür hergeben. An so einem Ruf konnten wir auch immer schon erkennen, ob die Räuber in guter oder in böser Absicht kamen. Aber was wollten sie denn bei uns schon holen. Mit dem meisten haben wir uns immer gut verstanden, und oft brachten sie uns sogar eine Flasche Wein oder eine Speckseite mit. Dafür haben wir dem Gendarmen nie was verraten. Was sieht und hört denn so ein Köhler im Wald auch schon...

Und dann hatten wir immer noch unsere Zinken, unsere Geheimzeichen. Die wurden an Haustüren und Gartenzäune, an Kirchtore und Brunnen gemacht, mit Kreide oder mit Holzkohle. Die sagten allen Eingeweihten, die bei uns als Kunden benannt wurden, ob was zu holen war oder ob man besser die Beine in die Hand nahm.

Feuer und Rauch, das waren nicht unbedingt unsere liebsten Mittel, um Zeichen zu geben. Denn die konnten auch die Gendarmen sehen.
Aber was gibt es Schöneres, als mit vollem Bauch nach getanem Tagwerk an einem Feuerchen zu hocken!

Gejodelt wurde auch hier im Odenwald. Das hört man auch recht weit.

Und nachts wenn es dunkel war, dann half man sich mit der Schusterkugel: einer bauchigen Flasche voll Wasser, hinter der man eine Kerze bewegte. Das konnten Kunden weithin erkennen, ohne daß es gleich der Büttel mitkriegte.

Aber die Zeiten haben sich geändert. vor genau zweihundert Jahren, 1811, wurden die meisten Räuber aus der Bande, in die ich durch besagte Unterhose geraten war, zum Tod verurteilt und aufgehängt. Nur die Weiber ließ man laufen. Tja, manchmal hat es halt auch sein Gutes, wenn die Weiber nicht soviel wert sind wie Mannsvolk.

Zu den Köhlern konnte ich auch nicht zurück, die waren inzwischen ausgestorben. Steinkohle war viel leichter zu haben, und niemand brauchte mehr Kohlenmeiler und schwarze Männer.

Wer sich jetzt im Wald und heimlich verständigen wollte, der verwendete so neumodischen Kram wie Spiegel und Blendlaternen. Gepfiffen, gerufen und gejodelt wurde auch nicht mehr: jetzt gab es Morsezeichen. Natürlich muß man dafür lesen und schreiben können, typisch!

Und was sich seit einiger Zeit so im Wald und am Himmel tut, das ist ja völlig komisch: Radar und Funk! Keiner kanns sehen, keiner kanns hören - und trotzdem kommts an! Apropos Lesen und Schreiben: da hat doch vor ein paar hundert Jahren einer die Druckmaschine erfunden, so einer der jeden Tag Gänsfleisch vorgesetzt bekam. Aber der hatte auch sein Gutes: auf einmal gab es was zu lesen, was nicht die Pfaffen in die Welt gesetzt hatten. Manch einer dachte sich damals: ach da lohnt es sich ja wirklich, lesen zu lernen.

Bald aber hingen überall Flugblätter an Bäumen und Haustüren, auf denen besonders berühmte Räuber gesucht wurden. Steckbriefe! Da hieß es, schnell den Bart ab oder die Haut mit Walnußöl gefärbt, daß einen nicht auf jedem Jahrmarkt alle sofort erkennen! Wie soll man denn da noch vernünftig arbeiten?

Aber der Mensch als solcher ist ja nimmersatt. Ein Flugblatt reichte ihm bald nicht mehr - eine Zeitung mußte es sein! Zeitungen - das waren lose-Blatt-Sammlungen, die man ganz gut zum Einwickeln von gefundenem Essen oder anderen nützlichen Sachen nehmen konnte. Angeblich soll man darin sogar lesen können. Also ich kann besser aus Kaffeesatz lesen, da erzähl ich noch jedem was er hören will!

Die Zeitungen mußten auch immer mit „Neuigkeiten“ versorgt werden, weil wenn man was drin lesen wollte, dann mußte ja auch was drinstehen. Und nicht immer dasselbe wie in den Pfaffenbüchern. Da gab es dann ein ganz neues Arbeitsfeld für die übrig gebliebenen Räuber (und vielleicht auch für ein paar Köhler, denn einmal schwarz bleibt immer schwarz!): man stahl jetzt Wörter, Gesichter und Information.

Ob jemand seine Frau betrügt, ob jemand sonntags nicht in die Kirche geht, ob jemand seine Steuern nicht ordentlich bezahlt (so Leut kenn ich nicht), wer mit wem wann was alles gemacht hat und wer wann was gesagt hat und dann nicht gemacht hat - wen interessiert das eigentlich? Aber die anständigen Leut waren bald nicht mehr sicher vor den Buchstabendieben.
Die Diebe rotteten sich in Redaktionen zusammen, wo die Neuigkeiten Stund um Stund über den Ticker eintrudelten. Dann setzte sich einer der Diebe an eine Klappermaschine und hackte seine Lügen hinein, die er aus dem bißchen Futter aus dem Ticker zusammenspann.

Noch ein bißchen später gab es in den wohlanständigen Häusern Kisten, die laut klingelingeling machten, und schon sprang einer der wohlanständigen Hausbewohner hinzu, hielt sich einen Knochen ans Ohr und redete mit der Kiste! Aus der Kiste konnte man auch was hören, aber ich glaub heute noch, daß die einfach nicht mehr alle Tassen im Schrank hatten (ich hab sie aber nicht ausgeliehen!). Bei mir im Wald hab ich so einen Klingelingkasten noch nie entdeckt. Wüßt auch gar nicht wofür ich den brauchen sollt.

Aber die Leute waren ganz wild auf die Kästen. Irgendwann mußte dann auch so ein Kasten im Auto sein, und in der Hosentasche. So ein Mist, da greift man jemandem vorsichtig, vorsichtig in die Tasche, und gerade wenn man etwas Brauchbares in den Fingern hat, klingelts und derjenige fährt selber in die Tasche!

Neuerdings reden die ja auch nicht mehr mit ihren Kästchen, die hocken den ganzen Tag da, starren drauf als wärs die Offenbarung und hacken dummes Zeug draufrum, ganz so wie früher die Buchstabendiebe auf ihren Klappermaschinen. Bloß daß da noch nicht mal mehr was klappert.

Noch unheimlicher ist aber alles das, was so in der Luft rumschwirrt: da könnt man ja noch froh sein, wenn es Morsebuchstaben wären! Da gibt es jetzt so ein neumodisches Netz - uhhh, Netze waren mir schon immer verdächtig.

Aber mein Kumpel, der Hacker-Klaus, der sagt daß das Netz super ist. Daß man da richtig viel ausbaldowern kann über die ganzen Zitronenschleifer und Wolkenschieber, was die Schmalzkönige so treiben, wer alles im Erdäpfelpalast hockt und wer eigentlich reingehört. Wer grad wo mit seinen Quadratlatschen rumstiefelt, wer sich im Grützkasten allerhand „Verschönerungen“ wie neue Nasen, Titten oder Ärsche dranbasteln läßt und daß hier im Wald der Laubfrosch unterwegs ist! Dem will ich jetzt grad nicht begegnen, und deshalb müssen wir jetzt auch schnell weiter.«

Soweit dieser lange, nicht immer ganz feine Beitrag von Köhlers Bawweddsche, gehalten bei der Lärmfeuer-Fackelwanderung am 31.3.2012 auf der Neunkircher Höhe.