2000 Jahre Steinbearbeitung im Felsberg - die Neuzeit

Das Felsenmeer ist ein besonderer Schauplatz der Industriekultur und der Wirtschaftsgeschichte. Zu allen Zeiten war der Felsberg ein vielbesuchter Ort. Bereits in der Antike wurden hier Werkstücke gewonnen. Der spröde Stein - ein Melaquarzdiorit, oft mit Granit verwechselt - wurde bereits bei den Römern im 2.-4. Jahrhundert nach Christus für ihre Bauwerke in der Provinz gewonnen. Über die Römer im Felsberg lesen Sie bitte alles hier nach oder kommen Sie mit mir zu einer spannenden Führung!

Wer nach den Römern folgte - die erste Generation

Viel später, im 19. Jahrhundert, kamen Steinarbeiter auf der Wanderschaft durch den Odenwald und entdeckten auch den Felsberg-Granit. Das war etwa um 1879, also in der Gründerzeit. Auf ihrer Rückwanderschaft arbeiteten sie im Fichtelgebirge und erzählten dort vom Felsberg. Daraufhin machten sich die Brüder Kreuzer aus Weißenstadt und die Brüder Böhringer aus Wunsiedel auf, um zu sehen, ob der Felsberg-Granit wirklich interessant ist. In der Gründerzeit wurde viel Stein verbaut, vor allem im Ruhrgebiet, wo das Hauptgebiet der wirtschaftlichen Entwicklung lag. Meist wurde aus dem Fichtelgebirge und aus dem Böhmischen geliefert, und der Felsberg erschien marktnäher, was ihn vor allem wegen der Transportkosten interessant machte.

Steintransporte

Transporte wurden damals über die Eisenbahn abgewickelt, und auch durch das Lautertal bis nach Lindenfels war einmal eine  Eisenbahnlinie geplant, die jedoch unter anderem aufgrund der Proteste der Fuhrleute nicht realisiert wurde. So wurden die Werkstücke mit Pferdefuhrwerken zum Bahnhof in Bensheim gebracht, bis Lastkraftwagen diese Arbeit übernahmen. Die beiden Brüderpaare Kreuzer und Böhringer logierten sich 1892 in Kolmbach ein und bauten am Beedenkirchener Stotzwäldchen Steine ab. Das war Privatwald, denn die Genehmigung der Gemeinde zog sich noch hin. Das Stotzwäldchen war jedoch nicht ergiebig, bald verlegten sie sich auf den Felsberg. Gleichzeitig suchten sie dunkle Steine für Grabsteine,  diese fanden sie in Lindenfels. So entstand das Natursteinwerk in Lindenfels. Bis zum 2. Weltkrieg lebte man hauptsächlich von Grabsteinen und Bauarbeiten. Die Felsberg-Steine waren jedoch nicht so ergiebig und hatten auch zahlreiche Flecken, und aus dem Fichtelgebirge war man den Abbau im geschlossenen Fels gewohnt, während man hier Findlingsgräberei betrieb. Noch zur Wirtschaftskrise 1873, zwei Jahre nach Gründung des Deutschen Reiches, stand es bei Krupp in Essen mit 1200 Beschäftigten auf Messers Schneide. Die Rettung brachten Eisenbahnbau und Kanonenbau, und die Steingewinnung florierte.

Der Abtransport der Werkstücke aus dem Felsberg erfolgte zum einen durch die Graulbach über die alte Chaussee, bis zwischen 1900 und 1910 die Straße (L 3099) gebaut wurde. Zum anderen brachte man die Steine über den Talweg nach Reichenbach. Beide Wege wurden vermutlich auch zu römischer Zeit genutzt, eine dritte Möglichkeit war der Sattel nach Hochstädten und Auerbach. Bald kamen weitere Unternehmer hinzu: die Familie Hergenhahn, Vorläufer der Deutschen Steinindustrie (DESTAG), Neidhardt aus Groß Bieberau, Wilhelm aus Weißenstadt. Wilhelm war für längere Zeit der größte Steinbruchunternehmer vor Ort. Etliche Einheimische übernahmen den Beruf des Steinhauers, wurden angelernt oder absolvierten eine Lehre.

Die Rheinbrücke in Worms: aus Granit und Sandstein gehauen von Felsbergarbeitern

Kurz nach der Jahrhundertwende erneuerte die Deutsche Steinindustrie die Brücke in Worms und übernahm alle Natursteinarbeiten. Die Granitarbeiten kamen aus Reichenbach, die Sandsteinarbeiten aus Baumholder an der Nahe. Die Bildhauerarbeiten übernahm im Auftrag der Deutschen Steinindustrie der Großvater von Hans Seeger aus Beedenkirchen. Er hatte bis zum seinem 14. Lebensjahr (1890) gelernt und sich später in Baumholder selbständig gemacht. Gemeinsam mit befreundeten Steinmetzen aus Baumholder übernahm er dort einen aufgegebenen Steinbruch. 1904 wechselte er zurück zur Deutschen Steinindustrie, als sein Sohn zur Welt kam. 1918, nach der Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg, begann er mit seinem Sohn in Beedenkirchen in der Gewann „in den Steinen“ eine Steingewinnung über zehn Jahre. 1928 kamen sie zum Felsberg. Damals zog ein anderer Unternehmer, Moritz Grieshammer aus Schwarzenbach an der Saale, ins Vogtland. Einer der großen Felsbergunternehmer war Wilhelm, der vor allem an Kreuzer lieferte. Zu dieser Zeit entstanden auch die Wege im Felsberg.

Das Schnapsloch

Am „Schnapsloch“ in der Nähe des Parkplatzes Talweg in Reichenbach baute die Deutsche Steinindustrie ab, und die kuriose Geschichte dieses Namens berichtete Hans Seeger der Autorin vor einigen Jahren: die Steinhauer haben früher viel gebechert. Es war eine staubige Arbeit, zwar nicht so schlimm wie in geschlossenen Werkstätten, aber trotz allem sehr anstrengend und kräftezehrend. Dieser Steinbruch war damals verrufen, es sei dort besonders schlimm zugegangen mit dem Trinken. Zwischen 1900 und 1910 gab es einen Schmied im Schnapsloch, der dort die Getränke verkaufte. Dies war Peter Jährling, Urgroßvater des Metzgers Jährling. Natürlich schrieben alle bei ihm an, und die Schnapsschulden wurden bei seinem Hausbau abgearbeitet. Der Steinbruch wurde von den Steinhauern bald „Schnapsloch“ getauft. Dort arbeiteten übrigens auch schon die Römer, es war der einzige römische Steinbruch, wo man sich in den Berg hineingearbeitet hat, sonst haben die Römer ausschließlich Findlingsarbeit gemacht. Noch heute erinnert der „Regenbogenstein“ an diesen Steinbruch, aus dem er einst herstammt. Lange lag er vor dem Reichenbacher Rathaus, jetzt liegt er auf der Wiese vor dem FIZ. Bei jenem Schmied lernte Hans Seeger später in der DESTAG das Schmiedehandwerk gelernt. Großvater Seeger fand im Felsberg Riesensteine, aber wie überall am Felsberg mit grauen dunklen Flecken. Verwendung fanden die Steine vor allem für Grenzsteine und trigonometrische Punkte im Zuge der Flurbereinigung in den 30er Jahren. Aber auch Straßengrenzsteine und Grabeinfassungen wurden schon daraus hergestellt. Bei den Reichsparteitagsbauten kamen die Felsberger nicht zum Zug wegen der schwarzen Flecken im Stein. Für die Nationalsozialisten mußte es ein reiner Stein sein. Die Felsberg-Steinbetriebe konnten jedoch als Arbeitsgemeinschaft staatliche Aufträge für Treppen für Schulen, Kasernen usw. übernehmen. Auch Maschinensockel für die Industrie wurden gefertigt. Seeger war ein tüchtiger Meister mit zehn Beschäftigten. Doch als er während der Weltwirtschaftskrise am 19. September 1931 (es war Kerbsamstag) mit dem Fahrrad nach Bensheim zur Sparkasse fuhr, um das Lohngeld zu holen, fühlte er sich nicht wohl. Er kehrte zum Frühstück bei Philipp Kriechbaum, Fuhrmannsgastwirt in Bensheim, ein, und nach der Stärkung holte er sein Geld auf der Sparkasse. Am Ritterplatz fiel er tot zu Boden. Das Lohnbuch jener Zeit gab seinem Enkel Hans Seeger einen klaren Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse: es wurde während der Weltwirtschaftskrise schon nicht mehr voll gearbeitet. Immer wieder gab es Arbeitsunterbrechungen. Während die Arbeiter stempeln gehen konnten, mußten die Unternehmer sich bei Bauern als Hilfskräfte verdingen. Doch der Lohn wurde dort meist in Naturalien gezahlt, so daß es schon schwierig war, auch nur fünf Mark für die Hebamme für Seegers Schwester Liese aufzubringen.

Das Ende der ersten Generation: Weltwirtschaftskrise und zweiter Weltkrieg

So ging mit dem Tod von Hans Seeger I die erste Generation zu Ende, es folgten auf die Weltwirtschaftskrise das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg.

Hatte sich der Beginn der modernen Steinindustrie im Felsberg für die Gemeinde Beedenkirchen positiv ausgewirkt (seit der Zeit 1903, als Kreuzer & Böhringer in Lindenfels für 30 Jahre einen Beedenkirchener Steinbruch zu 1800 Reichsmark angepachtet hatten, konnten die kommunalen Schulden abgedeckt und die Steuern verringert werden), kam nun alles zum Erliegen. Unternehmer und Arbeiter der Steinbrüche wurden zum Militärdienst eingezogen, die Werkzeuge aus den Holzhütten verschwanden, nur die Seilwinde war nach dem Krieg noch da. Der Unternehmer Grieshammer war 1944 noch eingezogen worden, 1938 hatte er in Beedenkirchen seine Sägerei eröffnet.

Die Frauen trugen das Essen im Henkelmann bis ca 1940 zu Fuß in den Felsberg, manche von Gadernheim aus. Das war in einfacher Strecke 5 Kilometer. Das "bißchen Haushalt" erledigten sie nach dieser täglichen Wanderung vermutlich ganz nebenbei...

Währungsreform, Auf und Ab der Wirtschaft

1945 kam Seeger II nach Hause. Nun wurde die Seegerhütte ausgebaut. Hier gab es zunächst das Maschinenhaus und eine Holzhütte, die als Unterkunft für die Essenseinnahme der Arbeiter diente. Die Steinhütte, die heute als Seegerhütte bekannt ist, sollte als Schmiede dienen, das war kurz vor der Währungsreform. Die Holzhütte des Speisenraumes wurde auf die Steinhütte aufgesetzt. Hier stecken noch heute Riesenfelsen im Boden, daher war das Areal begehrt. 1938 wurde die Genehmigung für den Wegedurchbruch und den Bau der Brücke  erteilt, 1949 gründeten die Beedenkirchener Unternehmer Grieshammer, Wilhelm, Seeger und Gg. Krämer eine Arbeitsgemeinschaft, um Straßenbauaufträge zu bekommen. Hinzu kamen später Keller & Pfeifer, Hans Seeger II und Peter Grieshammer führten den Vorsitz. Die AG stellte Randsteine für Frankfurt und alle Produkte für das Straßenbauamt Mainz her. Mit Aufräumungsarbeiten nach dem Krieg begann es, und bis zur Währungsreform hatte die Firma Seeger wieder etwa zwölf Beschäftigte, wie in der Vorkriegszeit.

Die Unternehmer Wilhelm, Dr. Neidhardt, Pfeil, Grieshammer, Krämer, Valtin Neff waren noch tätig, hatten zum Teil  auch während des Krieges durchgearbeitet. Andere tauchten noch hin und wieder auf, manche kamen nach dem Krieg erst neu dazu. Für Firma Seeger waren die großen Steinblöcke eine Hilfe, um nach dem Krieg über die schwierige Zeit zu kommen. Vor der Währungsreform lebte man mehr oder weniger von Kompensationsgeschäften mit Bauern, es wurden Brunnentröge und Treppen hergestellt, aber auch weiter Einfassungen an die Grabmalindustrie geliefert. Für neue Brunnentröge für Stettbach durften die Arbeiter, darunter auch Heimatvertriebene, sechs Wochen lang Holz machen und hatten so für die ganze Mannschaft Heizung über den Winter. Für sein Geld konnte man nicht viel kaufen. Als die Währungsreform kam, war die D-Mark schlagartig etwas wert, und die Kompensationsgeschäfte entfielen. Es ging aufwärts.

1955, als mit dem verstärkt aufkommenden Individualverkehr auch die Unfallzahlen stiegen - vor allem für Motorradfahrer waren die massiven Straßenleitsteine aus Granit eine erhebliche Gefahrenquelle -, ersetzte man die 70cm tief verankerten Steine durch Kunststoff. Die Größe der Granitsteine entsprach ideal dem Spaltmaß des Felsberg-Granites und wurden von der AG zu 27 D-Mark vielfach produziert, beispielsweise auch für amerikanische Bunker und für Panzerstraßen im Pfälzer Wald. Mit dem Verbot der steinernen Straßenleitsteine brach auch für die Firma Seeger ein wichtiges Marktsegment weg. Sie baute noch die Dorfstraße in Beedenkirchen aus (1952 bis 1954), wofür Hans Seeger II und Sohn Hans Seeger III die Pflastersteine in den Wintermonaten herstellten, zum Teil bei 30 cm Schnee und minus 22 Grad (Winter 53-54). Die Löhne stiegen in den Jahren 1953 bis 1955 um 45 % an, es konnten jedoch nur 5 % mehr Einnahmen verzeichnet werden. Nachdem im Jahr 1956 alle anstehenden Aufträge ausgeführt waren, traf die Firma Seeger ihre Entscheidung, Grabsteine herzustellen. Im Pflasterweg, der seinen Namen übrigens von der alten Straßenpflasterung erhielt, nicht von der Seegerschen Pflastersteinproduktion, errichteten Vater und Sohn Seeger im Juni 1956 in Stall und Scheuer eine Säge und Schleiferei.

Im Felsberg herrschte Findlingsgräberei vor, das war mit viel Kies- und Erdbewegung verbunden, und es gab viele schlechte Findlinge. Unter dem Felsenmeer liegen vermutlich noch heute große gute Blöcke. Der Felsberg-Granit, eigentlich kein Granit sondern Melaquarzdiorit, spaltet polygonal (schräg), ist aber dem rechtwinklig spaltenden Granit sehr ähnlich. Am Zehnes und auf dem Höhenzug Krehberg-Kesselberg Richtung Lindenstein steht das gleiche Gestein an: Gabbro-Diorit, oft unter der Handelsbezeichnung „Syenit“ bekannt. Ein dem Felsberg-Granit verwandtes Gestein findet sich in Sonderbach, dort ist es richtiger Granit, der rechtwinklig spaltet. Aus rötlichem Gneis besteht die Neunkirchener Höhe, auch die Brüche um Webern. Nördlich des Felsbergs steht grauer Gneis, Richtung Hochstädten könnte es auch reiner Granit gewesen sein (Bruch Zimmermann), sehr feinkörnig und rosa.

Diese Erinnerungen erzählte Hans Seeger mir bei einem Felsbergspaziergang im März 2002, sie bildeten die Grundlage für meine heutigen Gästeführungen im Felsberg zum Thema moderne Steinindustrie.

Wer möchte, kann gerne eine Führung  zum Thema mit mir vereinbaren. Sie kann je nach Wunsch zwischen zwei und vier Stunden dauern, ein deftiges Steinarbeiterpicknick gehört natürlich dazu. Überall im Felsberg findet man heute noch Seilwinden oder Teile von Stahlseilarmierungen, und an der Seegerhütte ist noch eines von drei Fundamenten für einen Lastenkran zu sehen, der bis 1995 noch dort stand und dann nach Südafrika kam, wo er wahrscheinlich noch heute in Betrieb ist.

Marieta Hiller, 2014

Rätsel: am Riesenschiff im Felsenmeer gibt es ein tiefes Loch - Brunnen führt vermutlich heute noch Wasser

Im Juni-Onlinebrief des Verschönerungsvereins Reichenbach war ein Foto vom „Pumpenloch“ abgebildet: ein tiefes brunnenschachtartiges Loch in der Nähe des Riesenschiffes im oberen Felsenmeer. Es war von Bernd Kindinger beim Holzmachen entdeckt worden. Es sei etwa fünf bis sieben Meter tief, gut gemauert und mit einem dicken Granitstein abgedeckt. Von diesem Loch war selbst unter älteren Leuten, die früher beruflich im Felsberg tätig waren, nichts mehr bekannt. Der Verschönerungsverein Reichenbach hatte deshalb alle Felsenmeer- und Felsbergkenner aufgerufen, Informationen dazu zu geben. Als ich meinen Gewährsmann Hans Seeger, von dem ich fast alles über die moderne Steinbearbeitung im Felsberg weiß, fragte, meinte er, der Brunnenschacht liege oberhalb des Riesenschiffes auf der anderen Hügelseite und gehörte zum Steinbruch von Dr. Neidhardt. Dieser stammte aus Wohlenbrunn im Fichtelbebirge und arbeitete vor allem in Groß-Bieberau, seine Schwiegertochter wurde in Auschwitz getötet. Der Brunnen ist gut ausgemauert, hatte eine Pumpe oder Schöpfvorrichtung und führt vermutlich immer noch Wasser.
Hans Seeger aus Beedenkirchen verriet mir außerdem, daß er eine neue Veröffentlichung in Arbeit habe: sie wird bald erscheinen und den Titel „Steinbrüche am Felsberg nach 1882 - Gewinnung und Bearbeitung des Felsberggranit (Melaquarzdiorit)“ erhalten.

Marieta Hiller, im August 2017

Weitere Fotos und Informationen folgen an dieser Stelle, z.B. zum Schnapsloch, dem Eulenturm und anderen interessanten Orten im Felsberg. Marieta Hiller