HS.Briefe: Beiträge von Hans Seeger zu Themen der Zeit

Hartes Brot der Steinarbeiter
Die Seegerhütte im Felsberg
Steinbearbeitung ausprobieren: bei den Felsenmeer-Erlebnistagen 2009 an der Seegerhütte

Der Beedenkirchener Altunternehmer Hans Seeger (*1929) hat sechs „Denkschriften“ herausgegeben:

1. Vom Felisberg zum Felsberg im Odenwald
2. Steinbrüche am Felsberg - Felsberg-Granit = Melaquarzdiorit
3. Im Wandel der Zeit - Auf und Nieder der Grabstein-Industrie
4. Geschichte - Zeitgedanken - Frieden in der Welt
5. Beedenkirchner und Odenwälder Geschichten, überwiegend in Mundart
6. Ich bin ein Odenwälder

Der vordere Odenwald und speziell der Felsberg war für gut 100 Jahre Schauplatz zahlreicher Steinbrucharbeiten. Es gab etliche Betriebe, die hier Rohblöcke gewannen und sie verkauften oder weiterbearbeiteten.

Steinarbeiter waren gläubige Menschen, doch waren sie auch von einem gewissen Trotz beseelt:

Zu Ehren der Steinbrucharbeiter:
hart ist der Stein,
schwer war die Arbeit,
rau unser Leben.
Hatten andere Leut auch leichteres Brot,
er mußte es uns  doch geben.

Inschrift auf einem Granitstein im Heidenberg bei Gadernheim

Über ihre Arbeit und ihr Leben hat Hans Seeger aus Beedenkirchen zusammengestellt, was er in seinem Leben erfuhr.Sein Credo:

Der Mensch als lebendige Schöpfung ist berufen, sich die Erde untertan zu machen, indem er der Natur gehorcht.

Dieser entscheidende Nebensatz ist gültig nicht nur für Steinarbeiter.

Ein Steinunternehmer im Unruhestand: die HS.Briefe von Hans Seeger, Beedenkirchen

Für 100 Jahre prägte die Steinindustrie das Gesicht der Lautertaler Ortsteile: 1879 bis 1979. Der Odenwald war mit dem Fichtelgebirge und einem kleineren Gebiet in der Oberlausitz bis zur Wende Zentrum der Grabmalherstellung. Heute gibt es nur noch wenige Betriebe in Reichenbach, Beedenkirchen, Elmshausen, Gadernheim, Lindenfels, Rodau, Groß-Bieberau, Heppenheim und Bensheim.

Sein Leben lang hat Hans Seeger aus Beedenkirchen in der örtlichen Steinindustrie gearbeitet, nun zieht er Bilanz. Der gelernte Steinmetz - und nebenbei auch Schmied - hat viel erlebt und viel zu sagen.
Sein wichtigstes Anliegen, nach Papst Pius XII: der Mensch soll sich die Erde untertan machen, indem er der Natur gehorcht. Würdiger Umgang mit Natur und Mensch fordert er immer wieder - seine HS.Briefe sind Gelegenheitstexte, die sich immer wieder um dieses Thema bewegen.

Daher sind sie - am Stück von 1-6 gelesen - oftmals etwas redundant, aber Wiederholungen tun diesem Thema gut: man kann es nicht oft genug wiederholen, daß z.B. Bildung die Grundlage für ein gutes Leben ist. Brandaktuell wirkt diese Mahnung angesichts von Boko Haram, was nichts anderes heißt als „Bildung ist verboten“. Einiges in den HS.Briefen liest sich etwas sperrig, auch aufgrund der häufigen Wiederholungen, doch auch die Themen sind ja meist sperrig.

Immer wieder setzt er menschliches Verhalten in Relation zur Erdgeschichte - schließlich hat er sich ein Leben lang mit Stein befaßt, und dies läßt ihn - und auch uns - demütig und nachdenklich werden. Um so mehr, als Hans Seegers Hauptgeschäft die Grabmalherstellung war und er ständig Berührung mit Ewigkeit, mit Verstorbenen und Hinterbliebenen hat.

Seine Gedanken zur Bestattungskultur faßte er im zweiten HS.Brief zusammen. Dabei setzt er sich an vielen Stellen mit dem christlichen Glauben auseinander, nimmt Bezug auf den kritischen Theologen Hans Küng, der es wagte die päpstliche Unfehlbarkeit in Frage zu stellen und dem daraufhin postwendend die Lehrbefugnis aberkannt wurde. „Ohne Religionsfrieden kein Weltfrieden“ - das ist Hans Küngs Credo, und auch das von Hans Seeger.

„Wenn ich Energien aus der Erde hole und ohne Kreislauf nutze, entweichen sie in Umwelt und Atmosphäre“: der zweite Satz der Thermodynamik könnte besser nicht formuliert werden. Darin geht es um die Entropie: alles strebt immer zum niedrigeren Energieniveau, oder aber: ich muß viel Energie investieren um auf ein höheres Niveau zu kommen - von nix kommt nix.

Den Kreationisten hält Seeger das Bibelzitat Moses Psalm 90 entgegen, wonach sich das Alter der Erde mit gut 2 Mrd. Jahren ansetzen läßt, was nicht ganz dem aktuellen Forschungsstand entspricht, aber weit entfernt ist von den im Kreationismus postulierten 6000 Jahren!

Die Mächtigen dieser Welt, allen voran  Donald Trump und Georg W. Bush, erhalten eine entschiedene Abfuhr, denn für Hans Seeger sollte die Welt - ganz gleich wie alt sie ist - von einer sozialen Gesell-schaft regiert werden, nicht von Kapital und Wirtschaft. Sie sollte sich um die Welternährung kümmern anstatt um Waffen, die „fanatische Weltunordnung“ durch eine freiheitliche Weltordnung ablösen.

Spannend liest sich der HS.Brief Nr. 3, in dem es konkret um die Odenwälder Steinindustrie der Region Lautertal geht.
Hier beschreibt Seeger die Ansiedlung der ersten Steinbruchunternehmer, ihre Entwicklung und die seines eigenen Betriebes, den er von Vater und Großvater übernommen hatte. Kurioses berichtet er etwa über den Unternehmer Johann Wilhelm, der in den Jahren 1926-1930  Granitfindlinge für den Tierpark Hagenbeck in Hamburg lieferte und „manchmal .. in der Woche ein(en) Fünfhunderter übrig (hatte)“.

Daß dieser oft überraschende Wohlstand vielfach auch noch in den 80er Jahren vorkam, kann ich selbst aus meiner Jugend bestätigen. Ich arbeitete als Kellnerin im Gasthaus „Zum Kaiserturm“ in Winter-kasten, in „de Funzel“. Dort trafen sich die „Steinkerle“ Montags und Donnerstags, wenn Hansi aufspielte, und ließen es sich so gut wie richtige Ölbarone gehen. Letztlich hat die Odenwälder Steinindustrie so mein Studium finanziert. In dieser wilden Zeit traf man in der Funzel oft den „Gold-gräber“ und den „dicken Helmut“, aber auch Unternehmer aus Reichenbach.

Hans Seeger dagegen war schon immer ein Familienmensch, der sich lieber in der Steinmetzinnung engagierte und sein Geld zusammenhielt. 1953 wurde er Schriftführer der Innung. Gut funktionierende Betriebe konnten damals pro Mitarbeiter einen Jahresumsatz von 100.000 DM erzielen. Das Ende kam mit dem Strukturwandel: mit Urnengräbern und anonymen Bestattungen.  M. Hiller, Nov. 2017

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