Von Riesen und Römern, Kelten und Germanen

Hier lassen wir Kobold Kieselbart einmal für die „großen“ Menschen erzählen, denn er ist der Einzige, der die ganze Geschichte aus eigener Anschauung kennt:

„In grauer Vorzeit hausten nämlich wunderliche Gestalten in den Wäldern unseres Odenwaldes: Riesen und Kobolde, Drachen und Urpferdchen trieben allerlei Schabernack miteinander. Zum Glück gab es damals noch keine Menschen, denn die hätten sich gewaltig gefürchtet. Doch auch, als die ersten Menschen in den Odenwald kamen, hausten noch vereinzelte Exemplare jener Urzeitwesen im Wald - zwar nicht mehr viele, doch genug, um die armen Menschen zu erschrecken.
Ein Felsberg-Kobold hatte schließlich ein Einsehen und versenkte die letzten beiden Riesen der Gegend in einen tiefen Schlaf, aus dem sie nur ein Zauber wieder wecken kann. Denn immer mehr Menschen kamen. Ihr nennt sie die Kelten. Sie waren einfache Leute, die im Einklang mit der Natur lebten und alles Unerklärliche den Waldgeistern zuschrieben. Und natürlich ihren zahlreichen Gottheiten, die sie hinter den Naturgewalten vermuteten.
Doch ihr ruhiges Leben im Odenwald währte nicht lange. Denn das Wissen um Erze, Bronze und Eisen, das die Kobolde den Menschen vermittelt hatten, ließ manche bald nicht mehr Ackergerät oder Werkzeug schmieden, sondern Waffen, Schwerter und Schilde. Bald schon brach über die Kelten eine wilde Horde bärtiger Männer herein, die sich schnell an allen Herden im Odenwald heimisch machten.

Die Kelten mußten weichen, nun lebten neue Herren im Odenwald: die Germanen, eigentlich ein Bauernvolk aus den südlicheren Gegenden zwischen Neckar und Donau. Beschaulich verbrachten sie ihre Tage auf dem Feld und während der Jagd, dabei waren sie aber nicht besonders friedfertig: nur zu oft kam es zu Streitigkeiten, und sie schlugen sich mit ihren groben Schwertern auf die Köpfe, daß die Wälder vom Klang des Eisens widerhallten. Sie hießen schließlich nicht umsonst Germanen, was Speer-Männer bedeutet. Sie stahlen sich gegenseitig Frauen, Töchter und Vieh, und wenn sie sich einmal vertrugen, dann zogen sie gemeinsam gegen neue Feinde los.

Dann jedoch - in den ersten Jahrzehnten nach Christi Geburt - kamen die Römer, vornehm, eingebildet und im Glauben, die Weltenherrscher zu sein. Über den Rhein und durch die Sümpfe der Ebene marschierten sie und drangen in die stillen Wälder und Hügel ein. Zuallererst bauten sie - zum Beweis ihrer Macht und doch auch als Zeichen ihrer Furcht - einen gigantischen Grenzwall um ihr ganzes Reich. In Moguntia, jener Stadt, die heute Mainz heißt, stationierten sie im 2. Jahrhundert n. Chr. ein mächtiges Heer, die XXII. Legion. Zweihundert Jahre hielt diese Legion den wilden Völkern stand, doch im vierten Jahrhundert schließlich gehörte der Felsberg nicht mehr zum römischen Imperium. So mußten die Römer ihre Verrichtungen in dieser Gegend unter scharfer militärischer Bewachung tun. Denn zu tun hatten sie viel zu jener Zeit: auf die granitenen Monolithe des Felsberges hatten sie es abgesehen. Der harte Granit war den stolzen Römern gerade recht für ihre Prunkbauten. Gewandt und herrschaftsgewohnt, wie sie waren, hatten die Römer die germanischen Waldvölker schnell unterworfen. Die alten Naturgottheiten mußten unzähligen feinen, vornehmen und äußerst anspruchsvollen römischen Göttinnen und Göttern weichen, die alle paar Jahre neue Tempel forderten.

Natürlich bauten nicht die Römer selbst die Häuser, Paläste und Denkmäler, das mußten meist die versklavten Völker oder aber die Soldaten tun.
Während die Germanen all ihre Bauwerke aus Holz gefertigt hatten und so oftmals durch Brände - auch im Übermut selbst gelegte - obdachlos wurden, legten die vornehmen Römer großen Wert auf ein festes Dach über dem Kopf und wünschten Steinhäuser zu haben. Dazu aber brauchten sie Unmengen von zurechtgehauenen Quadern, am liebsten aus hartem Granit. Und so kam es, daß eines Tages vor etwa 1750 Jahren der ganze Felsberg vom hellen Klang der Steinhauer widerzuhallen begann. Römer in prachtvollen Gewändern und Soldaten in Kitteln mit Lederlappen um die Füße, dreckstarrende bärtige Germanen und sommersprossige blasse Kelten veranstalteten ein emsiges Treiben im Felsberg.
Kaum war im Spätwinter der letzte Schnee getaut, da strömten die Menschenmassen hinauf, räumten Gestrüpp und umgestürzte Bäume von den Werkplätzen, besserten ihre Hütten aus und brachten Fuhre um Fuhre Werkzeug und Nahrung für Mensch und Vieh dorthin. Sklaven und römische Soldaten schufteten zwölf Stunden am Tag, wenn sie nicht vorher schon erschöpft zusammenbrachen. Über all das Arbeiten und Schuften wachte der Praepositus, der Befehlshaber der Vexillatio, der technischen Truppeneinheit aus Moguntia. An jedem Werkplatz thronte behäbig ein Magister, der römische Werkmeister, der den lieben langen Tag die Pläne mit den Wünschen des Bauherrn auf und wieder zu rollte, mit wichtiger Miene hineinblickte, hier eine Spanne maß und dort die Form verglich.

Danach pflegte er ein Stück Kreide aus dem feinen Lederbeutel um seinen Hals zu nehmen, den er wie seinen Augapfel bewahrte, und unter vielem Anpeilen, Vergleichen und Abmessen Linien auf den Stein zu zeichnen. Vor seinem inneren Auge war der Stein an dieser Stelle dann schon gespalten, und wehe, nicht spätestens vier Tage danach war er es wirklich. Dann setzte es Hiebe auf die Rücken der Steinhauer. Sehr zum Ärger dieser Magister änderten die Bauherren des öfteren ihre Wünsche, und dann mußten die angefangenen Werkstücke liegenbleiben, in denen schon der Schweiß und das Blut so vieler Stunden steckte, und von neuem begonnen werden. Bessere Laune bekamen die Werkmeister davon nicht, das mußten Sklaven und Soldaten immer wieder spüren...

Dann gab es den Nominator, den Herrn über die Listen. Ihr würdet ihn heute als Lageristen bezeichnen. Der Nominator, später auch Numerarius geheißen, führte sorgsam Buch über jedes Werkstück, sei es noch im Urzustand, sei es halb oder ganz fertiggestellt oder auch mitten in der Arbeit aufgegeben. So wußte er stets, wenn ein Magister für einen Auftrag ein ganz bestimmtes Stück Stein suchte, wo es zu finden war. Denn oft mußte ein Werkstück aufgegeben werden, weil die Spaltung nicht so verlief, wie es für den jeweiligen Auftrag gerade nötig war. Dann mußte die ganze Arbeit von neuem begonnen werden. Doch später einmal konnte es sein, daß man den übrigen Block für etwas anderes verwenden konnte. Deshalb war auch der Numerarius ein äußerst wichtiger Mann, der sich niemals schmutzige Finger holte. Gewichtig schritt er von Werkplatz zu Werkplatz, ließ alle Steine aufs Genaueste vermessen und trug die Zahlen mit geschickter Hand in sein Librum de inventuribus ein. Länge, Breite, Dicke, Winkel und Rundung - nichts entging seinem scharfen Stift. Wünschte einer der Magister ein passendes Werkstück, so feuchtete er sich elegant den Zeigefinger an und blätterte, bis er das Richtige gefunden hatte. Dann trug er den Namen des Werkmeisters dahinter ein, vergaß auch das Datum nicht, und gab umständlich und ausführlich Ort und Lage des Steines an.

Magister, die wegen ein und derselben Sache mehrmals zu ihm kamen, weil ihnen etwas an dem herausgesuchten Stein nicht behagte, die mochte der Numerarius nicht besonders. Und so wagten diese nicht, seine Wahl zu kritisieren und knechteten statt dessen die Steinhauer solange, bis der Stein auf diese Weise die richtige Form erhielt.
Dann gab es noch Verpflegungshütten, Köche und Küchenhilfen, Viehtreiber, Stall- und Latrinenknechte und natürlich Handwerker. Unter ihnen gab es einen Feldschmied, der die Werkzeuge stets in brauchbarem Zustand zu halten hatte. Auch mußte er jederzeit weitere Keile, Bänder und Spitzhauen herstellen können. Dann wurden Wagner gebraucht, die die Fuhrwerke in Ordnung hielten, und Zimmerleute, die die Gerüste für die Steinsägen errichteten. Holzfäller, die stets für frische Buchenstämme sorgten, um fertige Werkstücke vom Felsberg hinab in die Ebene rollen zu können. All diese Leute nahmen sich die Römer einfach, wo sie sie gerade fanden. War es für die Frauen der Germanen und der anderen Völker schon schwer genug, unter ihresgleichen zu überleben und die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen, so sahen sie sich hier vor die Aufgabe gestellt, für viele hundert Schwerarbeiter und dazu für ein paar nörgelige vornehme Herren zu kochen.

Geübte Steinarbeiter sehen einem Stein die günstigsten Gänge oder Spaltungszüge an. Die Steinmetzen der Römer hatten aus dem Mittelmeerraum die Technik der Keilspaltung mitgebracht. Sie schlugen Rillen in den Stein und setzten dann eiserne Keile hinein, auf die sie ein ums andere Mal mit schweren Hämmern einhieben. Doch die Keile schnitten nicht in den Stein, sie drückten nur beide Seiten auseinander, bis der ganze Klotz endlich zersprang. Zehn Tage schufteten die Arbeiter an einem einzigen Keilgraben.
Ein findiger Arbeiter vermutlich erfand endlich die Steinsäge, die von Gewichten gehalten, leicht und schnell durch den Stein schwang, zumindest leichter und schneller als das ewige Gehämmer auf die Keile vorwärtsging. Eigentlich war es kein Sägen, sondern vielmehr ein Schleifen mit feinem Quarzsand, und auf diese Weise konnte man auch quer zu den Gängen heile Platten und Klötze abspalten. Bald waren die Serrarii, die Männer an den Sägen, von allen beneidete Glückspilze, war doch ihre Arbeit viel leichter und angenehmer als das Steinhauen.  

Zur Meisterschaft brachten es die Römer mit der wundervoll ebenmäßigen Rundung der Säulen für den Trierer Dom. Hier sollte ein Prunkpalast für einen Kaiser gebaut werden. Dem römischen Kaiser Gratian genügte die prachtvolle Kathedrale zu Trier, die sein Vorgänger Konstantin errichten ließ, nicht mehr. Größer, prunkvoller und prächtiger mußte sie werden. So ließ er eine Halle daranbauen, vierzig mal vierzig Meter groß. Gestützt werden sollte sie von mächtigen Säulen aus dem Granit des Felsberges. Vier jener Säulen hatten die Steinhauer im Schweiße ihres Angesichtes fertiggestellt, sie befanden sich auf der Reise rheinabwärts bis nach Trier, das zu jenen Zeiten Augusta Treverorum hieß.

Der Transport war so einfach nicht, und man ist sich bis heute nicht einig darüber, wie die Römer die Werkstücke zum Rhein gebracht haben, wo sie von der Schiffslände Zullenstein auf dem Wasserweg mit der Classis Germanica, der römischen Rheinflotte, weitertransportiert werden konnten.
So schwer wie fünfunddreißig starke Ochsen wog eine jener Säulen. Mit Hebeln, Walzen und der schiefen Ebene quälten sich die Menschen ab, bis jeder Koloß endlich im Rheinhafen ankam. Das Tal der Lauter war sumpfig, und die Ebene bis zum Rhein ebenfalls. Wohl gab es Straßen und Raststationen, Wagen und Schlitten. Doch mit einem solch schweren Fuhrwerk vom Felsberg herab zu kommen, das war schwierig und ohne die Hilfe von uns Kobolden kaum zu bewerkstelligen.“

Soweit der Bericht von Kieselbart. Manche glauben, die Römer und ihre Arbeitssklaven hätten den Transport über den Höhenweg nach Auerbach geführt und seien dort, wo heute der breite Weg vom Felsberg zum Borstein hinüberführt, entlanggekommen. Und tatsächlich: beim Bau des Weges wurde vor wenigen Jahrzehnten eine alte römische Doppelspitzhaue gefunden. Durch den Hahlwald zur Ludwigshöhe, vorbei am Fürstenlager zum Steilabfall in die Rheinebene sollte die Reise weitergehen, dann mußten einhundert Meter Höhenunterschied überwunden werden. An der Kirche zu Auerbach kam dieser Weg heraus und führte weiter in die Ebene. Der Sumpf dort war nur schwer zu überwinden. Durch eine alte Neckarschleife beim heutigen Ort Einhausen, dann ein Stück über die Dünenrücken hinüber zu einer früheren Rheinschleife, in der sich zwischenzeitlich das Flüßchen Weschnitz seinen Weg gesucht hat, sollte die weitere Fahrt gehen. Oder den Winkelbach hinab bis nach Gernsheim.
Der Schiffstransport auf den größeren Flüssen Rhein, Main und Neckar ist den Römern geläufig gewesen, und das Hauptprodukt des Odenwald, nämlich Steine, gelangte auf diesem Wege zum Ziel. Auch Odenwälder Eichenholz zum Schiffsbau bekamen die römischen Provinzen mittels Flößerei geliefert.
Die Römer waren es auch, die das unnatürliche Knie der Weschnitz bei Einhausen anlegten. Im Jahr 215 schufen sie einen Durchstich durch die Sanddüne zum Rhein, den die Weschnitz seither durchfließt. Zuvor war das Flüßchen in einem alten Neckarlauf nach Norden geflossen, den der Neckar vor etwa 10000 Jahren verlassen hatte. Durch die Bettverlegung wurde die Weschnitz begradigt und damit schiffbar. Im frühen Mittelalter fuhren ab Weinheim, wo sie den Odenwald verläßt, Schiffe auf ihr. Zweck dieses römischen Unterfangens war es, eben die bis zu 30 Tonnen schweren Granitsäulen aus dem Odenwald zur Schiffslände zu befördern. Später wurde dieser Wasserweg von den Benediktinermönchen in Lorsch in Ordnung gehalten für ihre Marktboote zwischen Weinheim im Süden und Zullenstein im Norden.

Wie aber kamen die Römer mit ihrer schweren Last hinunter in die Ebene?

Es gab kuriose Hypothesen: so sollten die Römer die Lauter in zahlreichen Staustufen so ausgebaut haben, daß ein Floß mit den Werkstücken über den Winkelbach, wie die Lauter ab Bensheim heißt, in die Weschnitz und weiter zum Rhein schwimmen konnte. Eine Wassertiefe von 50-60 cm wird z.B. von Martin Eckoldt („Schiffahrt im Umkreis des Odenwalds“, 1989) als ausreichend betrachtet, wobei  das Flußbett sauber ausgehoben sein muß. Kähne von dreizehn Metern Länge - denn die Säulen hatten jede zehn Meter - wären dann von Reichenbach nach Bensheim gefahren: über siebenundfünfzig Staustufen hätten sie das Gefälle vom Fuße der Siegfriedsquelle bis zum Winkelbach in Bensheim überwinden müssen.

Eine Wissenschaftlergruppe in Italien hat den dortigen Marmortransport durch die Römer erforscht und kam zu folgendem Ergebnis: die Römer haben die Blöcke auf Holzschlitten befestigt, die an zahllosen dicken Hanfseilen durch Menschenkraft (die war wesentlich billiger als jedes Baumaterial) langsam den Berg hinabgelassen wurden. Dazu brauchte man eine gerade, eingeebnete Schneise, und die Kufen des Schlittens waren eingeseift. Das ist eine denkbare Möglichkeit auch für den Felsberg. Ganz geklärt ist die Frage des Transportes also noch nicht. Man könnte allerdings einmal Kobold Kieselbart fragen ...

aus: Abenteuer Felsberg - Felsenmeere und Römersteine.
Ein informatives Buch über Erdgeschichte, Geologie, Flora und Fauna, über die alten Römer und die neuzeitliche Steinindustrie im Felsberg, 80 Seiten. Leider vergriffen...
Erhältlich ist aber das Heftchen "Die Römer und das Felsenmeer"  (1 Euro inkl. Mwst., ab 10 Stück lieferbar, bei SammelBestellung zzgl. Versandkosten in Höhe von 4,00 Euro pro Bestellung, z. B. für Schulklassen)