Die Römer bauten als Erste planmäßig genormte Straßen

Im Taunus sucht Harry Haarstark MA nach Spuren römischer Verbindungswege, im Odenwald Marieta Hiller. Dazwischen liegt die berühmte Römersiedlung Nida (Frankfurt Heddernheim). Gemeinsam wollen wir das Altstraßensystem untersuchen, und was wir dabei entdecken, wird hier zu lesen sein.

Es gibt im 19. Jahrhundert einige Spekulationen über Römerstraßen quer durch den Odenwald, die südlich des Mains aber nördlich von Dieburg liegenden sind etwas besser erforscht und wurden weitergenutzt. Im Gebirge selbst werden die Römer wohl wenig nach dem klassisch schnurgeraden Prinzip gebaut, sondern (bereits vorhandene) Höhenwege für ihre Zwecke hergerichtet und genutzt haben. 

Während die ersten Altwege auf den Wasserscheiden bzw. den Höhenzügen der Gebirge und entlang den großen Flüßen verliefen, bevorzugten es die Römer, wenn sie auf breiten schnurgeraden und ordentlich befestigten Wegen vorwärts kamen. Also kann man zurecht behaupten, daß die Römer in unserer Gegend die Ersten waren, die Straßen planmäßig angelegt und hierzulande einen einheitlichen, genormten Straßenbau eingeführt haben. Deshalb wird man sich an den Höhenwegen orientieren müssen und auch nach Verbindungen zu wichtigen Flußübergängen im Tal (Rhein, Neckar, Main) suchen - zunächst ist theoretisches Schmökern in der Literatur erforderlich, bevor man das in der Landschaft überprüfen kann.

Burg Stein - römischer Burgus Zullestein

Beginnen wir am Schluß: wenn die im Odenwald gewonnenen Rohstoffe und Materialien oder auch Truppenteile auf den Rhein verschifft werden. Dies geschah am spätrömischen Burgus Zullestein (Burg Stein). Der Ort liegt in der Nähe der Weschnitzmündung in den Rhein und heißt noch heute Schloßberg oder Schloßbuckel. Inzwischen ist der Rhein etwa 500 Meter weit entfernt. Ob er in römischer Zeit direkt am Rhein lag, ist aufgrund der ständigen Umgestaltung der Auenlandschaft nicht zu klären. Angelegt wurde der Burgus im 4. Jh. n. Chr unter Kaiser Valentinian. Vermutet wird, daß der Burgus sich zur Weschnitz hin öffnete und zwischen zwei Wehrmauern ein geschütztes Hafenbecken zur Be- und Entladung darstellte. Die Mauern aus römischer Zeit sind in mittelalterlichen Quellen immer wieder erwähnt, es entstanden neuere Bauwerke, die wieder abbrannten oder abgebrochen wurden.

Interessant an diesem Ort ist die Weschnitzableitung. Der Fluß Weschnitz fließt aus dem Odenwald ins alte Neckarbett, das in der Rheinebene parallel zum Rhein mäanderte und mündete erst bei Trebur (heute in Weinheim!) in den Strom. Für die römische Zeit kann eine Nutzung der Weschnitz als Transportweg angenommen werden. Nach 203 n. Chr. floß die Weschnitz plötzlich ab Riedstadt-Goddelau (hier gab es Untersuchungen an einer römischen Holzbrücke) nicht mehr nach Norden. Solche Umlenkungen waren bei römischen Ingenieuren mehrfach Usus. Vermutet wird, daß das Steinmaterial vom Felsberg so besser verschifft werden konnte. Allerdings bestand zu dieser Zeit die Burg Stein noch nicht... Es gibt also noch viel zu erkunden!

Wie sollte die Riesensäule zum Rheinfloß kommen?

Damit sind wir gleich bei einer weiteren spannenden Frage: wie transportierten die Römer ihre schwergewichtigen Werkstücke vom Felsberg bis zum Rhein? Den Zeitraum der römischen Steinbruchtätigkeit kann man nicht genau bestimmen, er liegt zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert. Unklar ist, ob der Burgus Zullestein zu jener Zeit bereits bestand.

Eine Theorie besagt, daß die Werkstücke aus dem Felsberg bergab nach Süden ins Lautertal gebracht wurden, die Lauter dann in zahlreichen Staustufen vom dünnen Bächlein zu einem veritablen Flößergewässer umgebaut wurde, so daß die flachen Flöße, die trotz ihrer schweren Steinlast nur wenig Tiefgang hatten, von Stufe zu Stufe schwimmen konnten, bis sie in der Ebene endlich über Winkelbach und Weschnitz-Altbett zum Rhein gelangten.

Eine andere Theorie meint, die Werkstücke seien auch bergauf im Gelände über eingeseifte geschälte Baumstämme gerollt worden. Auf diese Weise konnten sie bis zum Nachbarhügel hinauf nach Hochstädten geschafft werden, wo durch den römischen Marmorsteinbruch bereits eine Transport-Infrastruktur bestand. Dazu wird aktuell eifrig geforscht, die Wissenschaftler Vilma Rupienne, Ulrich Schüssler und Michael Unterwurzacher haben ihre Ergebnisse als Aufsatz "Auerbach Marble Quarries in the Odenwald near Hochstädten" im Jahrbuch des Institute Europa Subterannea 2013 (ISBN 978-90-817853-3-4) veröffentlicht (S. 120). Ebendort finden sich auch die jüngsten Erkenntnisse zu den Transportwegen: "Alle Wege führen zum Rhein" von Alexander Vögler (S. 154)

Eine Brücke über den Sumpf

Bei Bickenbach wurden in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts von einer Truppe Amateurarchäologen in mehreren intensiven Einsätzen ein Brückenfundament sowie viele Terra-Sigillata-Scherben, Fibeln und Würfeln aus der Römerzeit gesichert. Die Eichenhölzer der Brückenpfeiler ließen sich mittels Dendrochronologischer Untersuchung auf ca. 145 n. Chr. als Fällungszeitpunkt datieren. Zahlreiche weitere Brücken wurden in der Region um Gernsheim, Groß-Gerau, Groß-Rohrheim entdeckt, die alle nicht ausschließlich dem Zweck dienen konnten, um eine Sanddüne zu erklimmen. So auch in Eschollbrücken, wo 2013 die Balken einer römischen Sumpfbrücke gefunden wurden, deren Fällung zwischen 60 und 107 n. Chr datiert werden. Vielmehr stellte man die Brücken schon früh in den größeren Zusammenhang zum schnurgeraden römischen Straßensystem im Ried und von dort auch in den Odenwald. 

Namenloses römisches Zentrum im nördlichen Odenwald: ...MED...

Nicht nur Steine vom Felsberg oder Bauholz aus dem Weschnitzumland waren abzutransportieren, nein: viele Artikel des täglichen Lebens mußten auch in den Odenwald gebracht werden. Ähnlich wie Nida (Frankfurt-Heddernheim) einst als römisches Zentrum in der Wetterau in der Mitte eines weitverzweigten Straßennetzes lag, so liegt auch die römische Siedlung ...MED... (heute: Dieburg) am Knotenpunkt vieler Straßen. Eine davon führt von Gernsheim nach Dieburg und weiter nach Wörth am Main, von wo ab der Odenwald-Limes im Main nach Süden verlief. Eine direkte Straßenverbindung führte natürlich auch nach Nida.

Die römischen Straßen rund um den Odenwald

Belegt sind römische Straßen im Norden, Westen und Süden des Odenwaldes. Der Osten wird durch den Mainlimes abgeschlossen. Im Norden verlief die schnurgerade Straße von Gernsheim nach Dieburg, von der sich bei Eberstadt eine Straße nach Süden entlang der Bergstraße zieht, die durch Lopodunum (Ladenburg) führt und sich in Heidelberg verzweigt. Der östlich führende Zweig zieht durch den kleinen Odenwald jenseits des Neckars Richtung Limes. Dazwischen: der Odenwald - unerforschte Hügel, waldreiche Täler voller grauenhafter Dinge. Nichts fürchteten die Römer mehr als unübersichtliche Landschaften - was kein Wunder war, denn genau in einer solchen Landschaft bekamen sie im Jahr 9 n. Chr. ordentlich was auf den Helm.

Wie es weitergeht: Nichts ist jemals fertig...

An dieser Stelle wird in unregelmäßigen Abständen Weiteres über die römischen Altstraßen zu lesen sein. Öfter mal reinschauen lohnt sich! Sowohl Harry Haarstark als auch ich haben neben unseren spannenden Ausflügen in die Vor- und Frühgeschichte einen Beruf, der uns die Butter aufs Brot bescheren muß. Dies hier sind sozusagen die Dillsträußchen, die das tägliche Brot krönen. Deshalb bitten wir vor allem um Geduld, wenn es mal nicht so schnell weitergeht. Wir bitten aber auch ausdrücklich um Informationen, Ideen und Hinweise, die zu einem besseren Verständnis der römischen Verbindungswege im Odenwald führen. Oftmals kommt man mit intuitiven Methoden schneller voran als mit archäologischen... Ich freue mich auf Ihre Beiträge - Marieta Hiller

Interessante Quellen:

Auf der Seite von Christine Bub bringt Harry Haarstark M.A. seine Erkenntnisse im Taunus vor.

Friedrich Kofler (1830-1910), deutscher Archäologe und Streckenkommissar der Reichs-Limes-Kommission hat eine umfangreiche Sammlung der Altstraßen veröffentlicht in der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst im Jahr 1896. Darin sind die Altstraßen auf Seite 22 bis 44 beschrieben. Bei Christine Bub sind die darin beschriebenen Altstraßen im Taunus zu finden.

Koflers Aufsatz zur Dieburg-Gernsheimer Straße und zur Hutzel-Straße von Bensheim nach Dieburg könnte unseren ersten Römerstraßen-Grundstock für den Odenwald darstellen.

Ebenfalls eine tolle Quelle mit vielen Details zu den Hohen Straßen / Hochstraßen / Höheren Landstrassen ist der Nachlaß des Stadtbaurats und Architekten August Buxbaum: er hat fleißig in vielen südhessischen Gemeinden nach den alten Flurnamen geforscht und sie in gezeichneten Karten hinterlassen: im Darmstädter Staatsarchiv:  Steinstraße, Heidenschloß oder Römerbuckel sind dort zu finden.

Die Römerstraßen in der Landschaft

Harry Haarstark will sich über die Sommersaison in der Landschaft umschauen auf den groben Routen
* Gernsheim - Eberstadt - - Dieburg - Stockstadt
* Worms - Bensheim - Dieburg - Niedernberg
* Heidelberg - Ladenburg - Odenwald - Dieburg
* Historische Bergstraße Heidelberg - Weinheim - Bensheim - - Darmstadt - Frankfurt
* Würzburg - Odenwald - Heidelberg

Zur Hutzelstraße findet man bei Heinrich Tischner einige Angaben. Er übermittelte Haarstark die verblüffende Einsicht, daß es sich nach Quellenlage bei der Hutzelstraße um einen unbedeutenden Verbindungsweg im vorderen Odenwald handelt, der kein Handelsweg war, sondern ein "verhutzelter", verschrumpelter Weg mit Schlaglöchern! Der Pfarrer im Ruhestand ist für alle regionalhistorischen Fragen ein kompetenter Ansprechpartner. Tischner verweist auf eine Quelle zum Begriff Hutzelstraße und meint, daß sich daraus vielleicht ein Straßenverlauf rekonstruieren läßt. Aber DA-Eberstadt, Frankenhausen, Hoxhohl, Nieder-Beerbach, Nieder-Modau, Ober-Beerbach, Reinheim, Spachbrücken, Staffel - das sei keine einheitliche Strecke, sondern ein ganzes Straßensystem, ausschließlich im Darmstädter Odenwald. Ob es eine Fernstraße dieses Namens wirklich gab, ist für ihn also zweifelhaft.

Das Südhessische Wörterbuch 3,878 erklärt den Namen in Ober-Beerbach und Balkhausen als "eine Straße, deren Name von den Hutzelbirnbäumen am Straßenrand herrühren". Das sind zunächst Namen von Dorfstraßen, vermutlich aber übernommen von einem Verbindungsweg. Die gedruckte Ausgabe des Südhessischen Flurnamenbuchs 529 fügt an die bloße Aufzählung der Flurnamen mit Hutzel- eine Erklärung hinzu: "Die Namen erinnern... an den Fernweg, der von der Bergstraße bei Auerbach über Reinheim zum Main führte" (was aber nicht mit der Verortung der Flurnamen übereinstimmt) "auf der das Dörrobst (im Odenwald einst bedeutsames Wirtschaftsgut) transportiert wurde."

Gleich nach den römischen Altstraßen wird als das Projekt Hutzeln folgen. Wurden Hutzeln (=Dörrobst) wirklich exportiert oder wurden sie vor Ort selbst aufgegessen? Brachte man sie zum Markt nach Eberstadt, Reinheim, Babenhausen, Aschaffenburg? Dort gab es schließlich eigenes Obst...

Hier nun noch ein paar Links, die Harry Haarstark ebenfalls zusammengestellt hat:

Johann Friedrich Knapp und seine "Denkmale des Odenwalds"  sind vielleicht etwas zu alt und doch zu knapp......
Die "Sagen des Neckarthales, der Bergstraße und des Odenwald"  von J. Baader vielleicht auch zu alt und wohl zu sagenhaft.....
Die "Altertümer und Geschichte des Bachgaus im alten Maingau" von Johann Wilhelm Christian Steiner ) eventuell zu steinig....
Die "Alterthümer der heidnischen Vorzeit innerhalb des Grossherzogthums" Hessen  von Philipp Alexander Ferdinand Walther sind wohl doch zu alterthümelig ...
und Karl Nahrgang "Römerstraßen im nördlichen Tel der Provinz Starkenburg" BAHDr. 13, 1930 ist im Inter-Netz nirgendwo finden, dazu müßten wir wohl auf die Hayner Burg......