Der Pomologe: mit Lupe, Messer und Bleistift auf der Suche

Was macht eigentlich der Pomologe?

Der Pomologe ist ein interessanter Mensch, denn er beschäftigt sich mit dem Apfel. Doch wann hat er damit angefangen? Dazu müssen wir nun zunächst mal ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit reisen. Nein, nicht bis ganz zurück zu Adam und Eva und dem Apfel vom Baum der Erkenntnis. Das kennen wir ja schon.
Dieses Jahr geht’s zu den alten Römern. Die hatten nämlich eine Göttin namens Pomona, sie war die Göttin der Gartenfrüchte. Ihr Name kommt von pomum, was Baumfrucht oder Obstfrucht bedeutet. Sie hatte sogar einen eigenen Opferpriester, ihren Flamen. Es gab in der altrömischen Tempelwelt zwölf „flamines minores“, und der Flamen Pomonalis war einer davon.
Von Pomona wissen wir außerdem, daß sie schwach wurde, als der Gott Vertumnus sie so heftig und ausdauernd umwarb, daß sie - die eigentlich nur das Pfropfen ihrer Bäume im Sinn hatte - schließlich völlig entnervt auf- und sich selbst hingab. Soviel zur Götterwelt, wo es offenbar auch nicht anders zugeht als in der Menschenwelt... Vom Pomologen aber weit und breit noch keine Spur.
Wie ging es derzeit in der Menschenwelt zu? Von mythologischen Lichtgestalten mit Füllhörnern hin zu wissenschaftlicher Erkenntnis strebte diese, doch war es ein weiter Weg. Bis endlich der erste Pomologe auftaucht, müssen noch unzählbar viele Jahrhunderte vergehen. Die Pomologie nämlich ist nicht die Wissenschaft von gefallenen Göttinnen und eroberungsfreudigen Göttern - doch mehr dazu später. Viel später.
Wir aber begeben uns jetzt in die Kreidezeit: damals nämlich -  das ist schon sehr lange her, fast so lang wie Eva und ihr Apfelproblem: 50 bis 70 Millionen Jahre! - damals war das Wetter günstig, und aus den wenigen Grundsorten an Äpfeln, die einst aus Süd-Ost-Asien kamen, wurden unzählige Neue: rotbackige, saure, fettglänzende, festfleischige, warzige, rauhe, süße, duftige, mürbe, dicke, runde Äpfel. Gab es im Kaukasus und dem Himalaya bis zum Ende der Kreidezeit noch mindestens genau so viele Sorten wie vor etwa 200 Jahren, so konnten sich doch nur wenige Malus-Arten bis dorthin retten. Und ob die Dinosaurier sich um die Kultur der Ur-Äpfel bemühten, das wissen wir nicht. Aufgefressen haben sie mit Sicherheit viele davon, und sie werden ihnen wohl auch geschmeckt haben... Und hätte es damals schon den Pomologen gegeben, dann hätte auch er ihnen geschmeckt. Überliefert wurde es nicht.
Erst von den Kelten wissen wir wieder, daß sie sich mit Obstbau befaßten. Immerhin 6000 Jahre alt sind die allerältesten Apfelfunde auf deutschem Gebiet: sie stammen aus einer Siedlung der Bandkeramiker bei Heilbronn. Auch in den Bodensee-Pfahlbauten und in der Schweiz und in Österreich fand man Spuren vom Holzapfel - dem Malus sylvestris. Klein war er, herb und eigenwillig. Die Kelten sammelten den Wildapfel und dörrten ihn für ihre Vorratshaltung. Im gesamten Siedlungsgebiet kann man Spuren von ihm finden, und dennoch ist er nur vielleicht der Vorfahre der modernen Kulturäpfel. Man weiß es nicht genau, denn die Kelten kannten sich zwar mit Landbau aus, aber bei der Dokumentation haperte es noch gewaltig. Schriftliche Urkunden aus keltischen Zeiten kennt man nicht. Und noch lange ist kein Pomologe in Sicht. Der Apfel aber durchlebte die Zeiten der Kelten, der Römer und der Germanen, und irgendwie schlug er sich durch bis ins Mittelalter.
Dann kamen die Kreuzzüge, bei denen die Menschen - freiwillig unfreiwillig - in der weiten Welt herumkamen. Sie sorgten dafür, daß aus den vorhandenen Apfelsorten eine neue genetische Vielfalt entstehen konnte. Man nahm Äpfel mit auf Kreuzzug, man tauschte sie mit den Bewohnern jener fernen Länder oder nahm ihnen ihre Äpfel ab. Schließlich war man ja auf Eroberungstour! Das ist aber auch schon wieder acht bis zehn Jahrhunderte her, doch die aus den freiwillig unfreiwilligen Apfeltauschbörsen entstandene Vielfalt konnte sich hier heimisch machen. Schon seit dem 16. Jahrhundert kennen wir den Roten Eiserapfel, die Herbstparmäne und die Goldparmäne, den Weißen Winterkalvill, den Königlichen Krummstiel und den klassischen Backapfel. Den Pomologen aber suchen wir noch immer vergeblich.
Die Äpfel wuchsen auf Bäumen in hochherrschaftlichen Gärten, denn für das gemeine Volk schien die göttliche Frucht den kirchlichen und weltlichen Würdenträgern denn doch zu schade. Von Schergen bewacht wurden die Gärten, und auf Äpfelklau stand oft genug die Todesstrafe. Das trug sicher mit dazu bei, daß dem Apfel eine überirdische Aura anhing, etwas ganz Besonderes war er, etwas Köstliches, Verbotenes, ein „Haben-will!“.
Doch auch die hochherrschaftlichen Würdenträger konnten sich der Wahrheit nicht verschließen, daß der Genuß von Äpfeln gesund für Körper und Geist war, daß er wichtige Nährstoffe auf den Speisenplan brachte, daß er für Saft und Kraft im Volk sorgen konnte - und das war genau das, was die Herrschaften brauchten: ein Volk in Saft und Kraft. Und so öffneten sie allmählich ihre schwerbewachten Gärten und teilten die köstlichen Schätze ihrer Bäume aus ans gemeine Volk. Der Apfel stieg aus den ummauerten Paradiesen hinab in die Gärten der Bauern. Zweihundert Jahre später war er von dort nicht mehr wegzudenken, die einfachen Leute konnten sich jetzt in ihren Bauerngärten selbst mit frischem Obst versorgen.
Das wissen wir heute aus alten Quellen, aus herrschaftlichen Verordnungen etwa, nach denen sich die Untertanen vor allem bei einer Heirat verpflichten mussten, Obstbäume zu pflanzen. Friedrich II. von Preußen und Kurfürst August von Sachsen waren solch umsichtige Herrscher. Pomologen aber waren auch sie noch nicht.
Verbunden mit dieser „Säkularisierung“ des Apfels, mit seiner Verbreitung im einfachen Volk, rückte die wohlschmeckende Frucht auch ins Interesse der Forscher. Bei jedem Schritt begegnete ihnen ein Apfelbaum, und schnell stellten sie fest, daß Apfel nicht gleich Apfel war. Bei ihrer Verbreitung von Garten zu Garten, von Baumwiese zu Baumwiese entstanden so viele verschiedene Äpfel, daß es dringend not tat, sie endlich zu verzeichnen. Und so zog er endlich hinaus in die Landschaft, der Pomologe. Probierte hier einen Saftigen, zeichnete dort einen Rotbackigen, schnupperte an einem Duftigen, beschrieb einen Buntgeflammten, notierte Lagereigenschaften der weichen runden wie der festfleischigen grünen Äpfel, ließ sich eifrig Rezepte von Bauersfrauen geben, wie die Sorten zu Kompott, zu Mus oder zu Saft verarbeitet werden konnten. Auch vergaß er nicht, sorgfältig zu verzeichnen, welcher Apfel wo wuchs und welche Bäume in der Nachbarschaft so herumstanden. Das war er endlich, unser Pomologe!
Doch begnügte er sich nicht damit, alles aufzuschreiben. Er experimentierte auch. Und was wir heute als Gentechnik verdammen, hatte eigentlich im 18. und 19. Jahrhundert seinen Ursprung. Das Veredeln von Apfelsorten wurde zum Wissenschaftler-Sport. Man kreuzte und verbesserte, saftiger sollten die Äpfel werden, süßer und aromatischer, und viel Ertrag sollten sie bringen. Lagerfähig sollten sie natürlich auch sein, und unempfindlich gegen Regen, Nässe, Wind und Schädlinge. Und so gehörte es bald zum guten Ton, daß ein jeder Pomologe einen eigenen Apfel erfand, dem er natürlich auch den eigenen Namen verlieh. Bald bevölkerten die Jakob-Fischers, Kaiser Wilhelms, Graf von Breitenbachs und Boskoop die Obstkörbe. Wer es etwas bescheidener mochte, der nannte „seinen“ Apfel nach dem Herkunftsort: Beerbacher, Bittenfelder, Brettacher, Borsdorfer...
Das war seine schönste Zeit, meint der Pomologe. Unbegrenzte Möglichkeiten, Ruhm und Ehre - und immer mehr leckere Äpfel!
Doch es kam, was kommen mußte: die Zeitläufte änderten sich. War es im 19. Jahrhundert der aufkommenden Industrialisierung zu danken, daß Freizeit übrig blieb, in der man sich anderen Dingen als der täglichen Arbeit widmen konnte - also auch der Apfelforschung, so führte die Industrialisierung doch nur wenige Jahrzehnte später dazu, daß nicht jedes Äpfelchen seinen Weg vom Baum bis in die Obstschalen schaffte. Besonders nach dem 2. Weltkrieg mußten sich die Äpfel den arbeitstechnischen und wirtschaftlichen Erfordernissen der rationellen Tafelobstproduktion unterwerfen. Wer zu schnell braunfleckig wurde, hatte verloren. Wer zu früh, zu spät oder auch mal überhaupt nicht reif wurde, hatte Pech. Wer zwar gut schmeckte, aber lange Transporte nicht vertrug, weg damit! Wer runzlig, fleckig, warzig oder krummgewachsen war: weg damit! Wer am Baum nicht in Reih und Glied auf weiten Ländereien wachsen wollte, sondern lieber eigenwillig und bunt gemischt auf der Obstwiese stehen wollte: abgehackt!
Übrig blieben nur: der fadsüße Golden Delicious, die Allerwelts-Parmäne, der krachsaure Granny Smith, der zähnebrechende Braeburn und die hübsche aber geschminkte Pink Lady. Die Vielfalt an Geschmack und Verwendungsmöglichkeiten mußte dem schönen Schein weichen, und austauschbar wie Plastikbälle liegen sie in den Auslagen der Supermärkte. Und was tut der Pomologe jetzt?
Trauert er den alten Zeiten hinterher, als tagtäglich ein neuer Apfel entdeckt wurde? Mixt er in Gentechnik-Labors geheimnisvolle Substanzen, um den Apfel aller Äpfel zu entwickeln? Schreibt er seine Memoiren? Sitzt er in Talkshows und redet übers Wenn und hätt’?
Nein! Er ist unermüdlich unterwegs, sammelt was noch zu sammeln ist, bewahrt was bewahrt werden kann, hütet und pflegt, was die große Vereinfachung überlebt hat. Alte, vom Aussterben bedrohte Sorten werden gerettet, bevor sie ganz verschwunden sind. Nach verschollenen Obstsorten, aus Literatur oder Volksmund noch bekannt, wird gefahndet. International ist er unterwegs, der Pomologe. Auf Treffen, auf Tauschbörsen und auf Apfelveranstaltungen. Und er hat Erfolg: schon einige längst verschollen geglaubte Apfelsorten konnten so bewahrt werden. Immer wieder geht er zu Treffen, wo Apfelfreunde zusammenkommen und ihre Sorten mitbringen. Da wird geschnuppert, probiert, berichtet und verglichen, und nicht selten taucht tatsächlich eine verlorengeglaubte Sorte auf! Für Gartenfreunde und Obstbauern verfaßt er sorgfältige Anleitungen über die richtigen Obstsorten am richtigen Ort, besonders die robusten einheimischen Sorten sollen dabei zum Zuge kommen. Denn so haben alle einen Nutzen davon: die Flora und Fauna auf der Obstwiese, die guten Apfelsorten, die Apfelfreunde - und der Pomologe. Denn ihm ist es zu verdanken, daß es auch heute noch Äpfel gibt, die gut schmecken - ein jeder nach seinem Charakter: säuerlich oder würzig, fest oder mürbe, duftig oder herb. Probiert sie nur - ihr werdet schon sehen!
Marieta Hiller, teilweise veröffentlicht in Typisch Odenwald 2012.