Das »Reichenbacher Gold«

Die Ev. Kirche in Reichenbach steht tief unter einer Quarzader

Man denke sich eine gerade Linie vom Borstein oberhalb Reichenbach bis zum Katzenstein in Raidelbach, mit einem leichten Knick nach Norden im Wald oberhalb des Hofgutes. Diese Linie geht mitten durch das Reichenbacher Zentrum, die Ev. Kirche steht genau dort, wo die Lauter sich einst durch den Quarz ihr Bett gegraben hat. Heute steht der Quarzgang als Naturdenkmal unter Schutz. An mehreren Stellen liegt er durch Verwitterung frei an der Oberfläche, so gehören Teufelsstein, der Steinbruch an der Körner-Eiche und weiter unterhalb Richtung Reichenbach, wo der Weg der Stille kreuzt, auf der anderen Seite der Hohenstein und der Katzenstein dazu.

30 Millionen Jahre alt ist das Gestein und damit wesentlich jünger als der Ursprung des Granitplutons, aus dem schließlich das Felsenmeer herauswitterte. Es hat eine Mächtigkeit von ca. 20 Metern und besteht aus Quarzit und Baryt. Das Baryt, auch Schwerspat genannt, wurde durch die Einwirkung von heißen Wässern zu Quarzit umgeformt. Das Gestein zeigt dadurch verzerrte Linien (Wellenmuster) und ist blättrig mit eingeschlossenen Kristallen von Malachit, Kupferkies und Sulfid.

Üblicherweise entsteht Quarzit durch Metamorphose aus Sandstein. Daß im vorderen Odenwald jedoch kein Sandstein zu finden ist, liegt daran, daß dieser erst viel später nach dem Granit auf die Scholle kam. Durch das Aufbrechen des Rheingrabens kippte die Odenwaldscholle von West nach Ost, die hochstehende Westseite wurde durch Verwitterung wieder geebnet, so daß der Odenwald von West nach Ost die Gesteinsabfolge von alt nach jung zeigt. In Reichenbach jedoch entstand der Quarzit nicht aus Sandstein, sondern durch Verkieselung von Schwerspat. Dabei entstanden die hübsch opalisierenden Glitzereffekte. Bis ins letzte Jahrhundert wurde in Reichenbach Kupfererz und andere Erze abgebaut, zum Teil stand das Kupfer gediegen ab. Aus den Schlacken wurde z.B. die Sperre des Wasserrückhaltebeckens oberhalb Reichenbach aufgeschüttet. Noch heute gibt es im Lautertal mehrere Betriebe, die den Odenwaldquarz zu Schmucksteinen verarbeiten.

Dort wo heute der Ortskern von Reichenbach liegt, war zur Zeit der Besiedelung vor 1000 Jahren natürlich kein Quarz mehr zu finden. Das Geländerelief ist tief abgetragen bis weit unter die ehemalige Lagehöhe der Quarzader. Aber am Teufelsstein, am Borstein, am Hohenstein und am Katzenstein ist der wunderschöne Quarz noch zu sehen.

Interessant wäre die Frage, warum die Kirche genau an dieser Stelle steht. Ansiedlungen entstanden im Mittelalter meist in Talgründen an Wasserläufen, so auch Reichenbach an der Lauter und der Einmündung von Graulbach von Norden und dem Bach von der Nonnenwiese im Südosten. Fruchtbare Böden und geschützte Lage fand man dort, und das Tal ist relativ breit.

Von anderen Orten weiß man, daß christliche Gotteshäuser oft genau auf die Stellen gebaut wurden, wo sich vorher ein heidnisches Heiligtum befand. Damit sollte zum einen die neue „Herrschaft“ des richtigen Glaubens eindrucksvoll demonstriert werden und zum anderen die Gewohnheit der Menschen, an Alther-gebrachtem festzuhalten, für die Kirche genutzt werden. Denn die Bewohner mußten zwar oft im Lauf einer Generation dreimal den Glauben wechseln, aber an ihren Traditionen hielten sie fest, und so besuchten sie einfach weiterhin die Plätze der Andacht, die sie gewohnt waren.

In Reichenbach war das etwas anders, denn nach dem Lorscher Kodex war der Odenwald vor der Besiedlung durch das Kloster Lorsch menschenleer. Walddickicht zog sich über unermeßliche Flächen und bedeckte auch die Talschaften. Handelswege, genutzt seit der Zeit der alten Römer, zogen sich immer auf den Höhen entlang. Es gibt keine Spuren der geheimnisvollen Kelten, auch wenn einst um 1900 jede Gemeinde die etwas auf sich hielt, dafür sorgte daß auf ihrem Gebiet mindestens ein Hügelgrab entdeckt und in die Kartographie aufgenommen wurde. Ob die Kelten doch im Odenwald waren, beispielsweise um die reichhaltigen Erzvorkommen zu nutzen, läßt sich nicht sagen.

Aber sehr wahrscheinlich ist, daß es in Reichenbach vor 1013 keine Menschen und damit auch keine Andachtsstätte gab. Da jedoch alte Heiligtümer immer an besonderen Orten in der Landschaft angelegt wurden, verwundert es daß auch die Ev. Kirche an einem solchen Ort gebaut wurde. Solche Orte werden von einigen Menschen als Kreuzungspunkte von Kraftlinien bezeichnet. Leider oftmals stark esoterisch angehaucht, ist das Thema trotzdem ungemein spannend. Nicht nur Wasseradern können auf das menschliche Wohlbefinden wirken, sondern auch geologische Formationen. Zu dumm ist nur, daß diese geologische Besonderheit - die Quarzader - längst vergangen war, als die Kirche dorthin gebaut wurde. (M. Hiller, Herbst 2013)

Der Teufelsstein: nordwestliches Ende der Quarzader

"Teufelsstein bei Reichenbach.
Nicht weit von Reichenbach, dem hohen Steine gegenüber, in einem Walde liegt der Teufelsstein. Er sieht aus, als wären etliche hundert Karrn Steine kunstreich zusammengeschüttet, indem sich wunderbarlich Gemächer, Keller und Kammern von selbst gebildet, in welchen bei schweren und langen Kriegen die Bewohner der Gegend mit ihrem ganzen Haushalt gewohnt. Diesen Stein soll der Teufel in einer einzigen Nacht, nach der gemeinen Sage, also gebildet haben."

So steht es in "Winkelmann’s hessische Chronik" - Aus: Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Band 1. Nicolai, Berlin 1816, Seite 274. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutsche_Sagen_(Grimm)_V1_310.jpg&oldid= - (Version vom 31.7.2018)
Der Teufelstein auf dem Teufelsberg ist das eine Ende der Quarzader, die sich mitten durch Reichenbach zog und auch als "Reichenbacher Gold" bekannt ist. Das andere Ende ist der Hohenstein. Der Teufelsberg liegt westlich als Ausläufer des Felsberges  oberhalb Reichenbach.
Wer dazu eine Sage kennt, oder auch zum Hexenstein auf der Neunkircher Höhe, darf sich gerne an die Redaktion wenden. Entdeckt hat den Beitrag zum Teufelsstein Fritz Ehmke. mh

Der Hohenstein